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Plagiate in der Wissenschaft : Hängt sie höher

  • -Aktualisiert am

Diebstahl geistigen Eigentums verdient es, kenntlich gemacht zu werden Bild: dpa

Ein italienischer Forscher klaut die Ergebnisse einer Studie über Blutfette und Diät. Er wird vom Autor bloßgestellt und zieht seinen Artikel zurück. Mehr passiert aber nicht. Reicht das?

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          Wenn Wissenschaftler von einem Kollegen betrogen werden, muss es nicht gleich hart zur Sache gehen. „Lieber“ Plagiator im Anschreiben klingt da jedenfalls erstaunlich versöhnlich. Michael Dansinger von der amerikanischen Tufts-Universität spricht so in einem offenen Brief in den „Annals of Internal Medicine“ den Kollegen an, von dem er beklaut wurde: Carmine Finelli von der Stella-Maris-Mediterraneum-Stiftung im italienischen Potenza. An einer Studie über Blutfette und Diät hatten Dansinger und seine Kollegen mehr als fünf Jahre mindestens 4000 lange Stunden investiert. Im Auftrag hochrangiger Medizinjournale wie den „Annals“ prüfen üblicherweise renommierte - aber nicht immer ehrliche - Reviewer die eingereichten Artikel auf ihre Qualität. Bei den besonders angesehenen Zeitschriften reichen die Forscher richtige Goldstücke ein. Da ist die Versuchung für den Gutachter groß, so ein Klümpchen in die eigene Tasche gleiten zu lassen.

          Dem ehrlichen Forscher, der sich um die Veröffentlichung bemüht, schreibt man einfach: „Sorry, für diese Zeitschrift leider nicht gut genug.“ Dann geht der Betrüger zu einem Hehler, um die Ware selbst zu Geld - also Ansehen - zu machen. Sprich, der besagte Artikel wird in einer anderen Zeitschrift veröffentlicht, oft in einer weniger angesehenen, die nicht so genau prüft, wo die Ware herkommt. In diesem Fall fiel die Wahl des Betrügers auf das „EXCL1“-Journal mit Sitz in Dortmund. Die italienische Gruppe um Finelli hat den Text des Artikels fast wörtlich abgekupfert. „Verbatim“ schreibt in ihrem ungeschminkten Kommentar nun die Herausgeberin von den „Annals“, Christine Laine.

          Wer kontrolliert die Kontrolleure

          Sie war natürlich zerknirscht, dass ihr das passierte, denn nur in allergrößter Not greifen englischsprachige Publizisten zur alten Wissenschaftssprache Latein. Außerdem hat der gierige Plagiator noch flugs eine Studiengruppe in Europa erfunden. Tja, und dann sind da noch die sieben Koautoren, die offenbar nicht ahnten, dass sie bei einer Arbeit mittaten, die eigentlich fünf Jahre währte, sie aber nur ein paar Stunden Arbeit hätte kosten sollen. Wer hätte da nicht mit unterschrieben.

          In EXCL1 schreibt nun Finelli, dass er die Arbeit zurückzieht. Er erhielt auch einen „scharfen Tadel“, bekundet der Präsident der Stella-Maris-Stiftung. Tutti paletti? Angesichts dieser Dreistigkeit stellt sich abermals die Frage: Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure der Wissenschaft? Oder sollte man lieber fragen: Wer bestraft sie endlich angemessen dafür, dass sie eine Vertrauensposition so schamlos ausnützen?

          Das Risiko, entdeckt zu werden, ist in der digitalisierten Welt ausgesprochen groß. Das schreckt offenbar aber niemanden davon ab, als Plagiator entdeckt zu werden. Warum auch, geht es doch schließlich weiter auf der Karriereleiter. So wurde der Dieb nicht einmal an den Pranger gestellt. Weder der beklaute Dansinger noch Herausgeberin Laine nennen Finelli beim Namen. Versöhnliche Töne sind hier allerdings völlig fehl am Platz. Oder warum sollten kriminelle Forscher nicht wie andere Verbrecher behandelt werden?

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