https://www.faz.net/-gwz-6llej

Plagiat : Immer diese Unterteufel

  • -Aktualisiert am

Qualitätssicherung auf dem Entwicklungsstand um 1900: die Berliner Charité Bild: ddp

Die Berliner Charité hat sich eine Jubiläumsschrift geschenkt, die sie nun in den Reißwolf steckt. Ihr Ghostwriter hatte offensichtlich große Teile des Werkes zusammengeklaut. Trägt er die alleinige Schuld?

          Damit hatte keiner der Beteiligten gerechnet: dass aus der Festschrift „300 Jahre Charité - im Spiegel ihrer Institute“ tatsächlich ein Patchwork von zusammengeklauten Flicken aus der medizinhistorischen Requisitenkammer wurde. Deshalb hat wohl auch niemand das Buch vor seiner Veröffentlichung im Sommer auch nur mal überflogen.

          Selbst die drei offiziellen Autoren, nämlich der aktuelle und der frühere Vorstandschef des Uniklinikums und einer ihrer Oberärzte aus der Psychiatrie, zeigen sich glaubhaft ahnungslos. Denn sonst wäre ihnen zum Beispiel doch aufgefallen, dass sie ein kurzes Vorwort zu dritt unterzeichnen, aber darin durchweg von sich als „ich“ sprechen. Solch mangelndes Wir-Gefühl ist dem Dreigestirn Max K. Einhäupl, Detlev Ganten, Jakob Hein kaum ernstlich zu unterstellen. In einer „Erklärung“, versteckt auf der Jubiläums-Homepage, schieben sie für alles Missratene vielmehr einen Ghostwriter vor, den stadtbekannten Berliner Literaten und Nichtakademiker Falko Hennig.

          Jetzt will die Charité ein paar hundert angekaufte Exemplare, Ladenpreis sechzig Euro, in den Reißwolf stecken. Ein Heidelberger Historiker hatte sich über seitenlange Kopien aus seiner Doktorarbeit beschwert. Weggeschmissen ist damit auch das Honorar für den diebischen Textmonteur, der rund ein Jahr an seiner Zusammenschau werkelte. Jetzt will die Uniklinik Schadenersatz aus dem Vertrag mit ihm. Erst mal tritt sie aber für ihren kostspieligen Strafrechts- und Medienanwalt in Vorlage.

          Derweil droht der beschuldigte Hennig in seinem Internet-Tagebuch mit einer privaten Insolvenz. Der Wissenschaftsverlag de Gruyter weist jede Mitverantwortung von sich. Er habe von der Charité ein Fertigprodukt übernommen und das lediglich kulanterweise zu Papier und in den Vertrieb gebracht. Der ist inzwischen natürlich auch gestoppt. Insoweit verharrt die Qualitätssicherung im Unternehmen Charité auf dem Entwicklungsstand um 1900: Am Ende werden Fehlprodukte ausgesondert, aber die Entstehungsprozesse selber nicht vorsorglich kontrolliert.

          Die Angelegenheit war Chefsache

          Wieso kam überhaupt ein Ghostwriter ohne jede akademische Erfahrung zum Zuge? Der „Geschäftsbereich Unternehmenskommunikation“ des Auftraggebers, landläufig die Pressestelle, teilt auf Nachfrage mit: „Die Charité nimmt zu Vergabeprozessen grundsätzlich nicht öffentlich Stellung.“ Bis der Landesrechnungshof mal nachforscht. Dabei pfeifen die Spatzen längst von allen Klinikdächern: Dem Oberarzt und Romanschriftsteller Hein sei die Jubiläumschronik neben seiner Tagesarbeit zu viel geworden, er habe deshalb seinen Dichterfreund Hennig von der gemeinsamen „Lesebühne Heim & Welt“ empfohlen. Die Angelegenheit war offenbar Chefsache. So stilisierte Hennig sich im Oktober vorigen Jahres auf seiner Homepage zum Hoflieferanten: „Den allgemeinen Teil der Charité-Chronik redigiert, jetzt Audienz bei seiner Majestät dem König der Charité“, also ihrem Vorstand.

          Sofort hätten drei und mehr promovierte Medizinhistoriker den Auftrag gern übernommen, erklärt der Vorsitzende des Fachverbands Medizingeschichte, Heiner Fangerau, dieser Zeitung. Für einen Fachmann, der Vorberichte aus den einzelnen Instituten sichten und zu einem Ganzen harmonisieren sollte, hätte die Charité allerdings 50.000 Euro in die Hand nehmen müssen, schätzt der Experte; für weitergehende Literaturrecherchen, ein Arbeitspensum von zwei Jahren, natürlich das Doppelte. Aber so viel war an der finanzschwachen Charité überhaupt nicht drin. Hennig tat's für deutlich weniger, sagen Insider. Seine Lieferung entspricht offenbar dem Dumpinglohn.

          Kopieren geht über studieren

          Wir sind von Unterteufeln reingelegt worden, so lautet die Standardausrede von anscheinend untadeligen Gelehrten, wenn sie plötzlich mit Regelverstößen auffallen. Das war schon vor zehn Jahren so, als die Krebsforscher Herrmann und Brach wegen Datenschwindel in großem Stil aufflogen. Jetzt soll nach der Berliner Erklärung der Autoren Einhäupl, Ganten und Hein allein der willige Helfer Hennig der Schuldige sein. Laut Titelblatt ist das Werk tatsächlich unter seiner „Mitarbeit“ entstanden.

          Dazu hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft dieser Tage in einem vergleichbaren Fall, bei einem plagiierten Förderantrag eines Professors, allerdings ganz unmissverständlich klargestellt: Der „könne sich nicht darauf berufen, dass die Passagen von Mitarbeitern formuliert worden seien; er selber trage die Verantwortung für den Inhalt“ und wurde deshalb „schriftlich gerügt“. Demgegenüber haben die Verantwortlichen für die Berliner Panne bislang kein Wort irgendeiner Selbstkritik gefunden. Und der Ombudsmann für wissenschaftliches Fehlverhalten legt seine Hände erst mal in den Schoß - so lange, bis der gegen Hennig angezettelte Rechtsstreit geklärt sei. Das kann dauern.

          Eigentlich hätte die ganze Geschichte einer mehrjährigen Forschungsarbeit und eines vielbändigen Werkes bedurft, sagen die Autoren selber im Vorspann von „300 Jahre Charité“. Deshalb hätte man besser auch auf jede Ersatzlösung verzichtet, meint der Sprecher der deutschen Medizinhistoriker, Fangerau. Aber die Charité-Spitze entschied sich nach der Maxime: Wenn nicht wirklich forschen, dann wenigstens so tun, als ob - kopieren geht über studieren. Oder „Originalität war gestern“, wie einst die Literatin Hegemann unverkrampft wissen ließ. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit wünschte dem Experiment an der Charité in einem Grußwort „viele Leserinnen und Leser“. Im unvermeidlichen, leider aber falschen Vertrauen auf die Gewährsleute aus der Klinik. Kaum auszudenken, wenn der Landesherr die Enttäuschung am Ende wirklich ernst nähme.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahlen in den Niederlanden : Das Potential der Rechtspopulisten

          Zwei sehr unterschiedliche Politiker versprechen den Niederländern ein Ende der Einwanderung und einen Austritt aus der EU. Baudet und Wilders sind Konkurrenten. Aber sie schöpfen aus einem großen Wählerreservoir.
          In den vergangenen Jahren erreichten immer mehr Menschen unterschiedlicher Schichten höhere Bildungsabschlüsse. Wird sich dies ändern? (Symbolbild)

          Modernisierung : Das absehbare Ende des Aufstiegs

          Gesellschaftliche Modernisierung und die Zunahme der höheren Bildung gehen Hand in Hand. Für die unteren Schichten ging es jahrzehntelang nach oben. Damit könnte irgendwann Schluss sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.