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Placeboeffekt : Der Schein hat Grenzen

  • -Aktualisiert am

Bild: Getty

Placebos helfen nicht allen Patienten. Und auch nur bei manchen Symptomen.

          6 Min.

          Selten wurde die Macht eines Placebos eindrucksvoller demonstriert – zumindest auf den ersten Blick: Schon eine Spritze Wasser, so konnte vor fast zwanzig Jahren der Spanier Raúl de la Fuente-Fernández zeigen, kann Parkinsonpatienten Kraft und ein Stück Beweglichkeit zurückschenken. Bei der Krankheit scheitern die Zellen in der Hirnregion Substantia nigra an der Aufgabe, ausreichende Mengen des Botenstoffs Dopamin zu bilden. Weil der unter anderem dabei hilft, die Bewegungspläne des Gehirns an Muskeln und Rückenmark zu übermitteln, verlieren die Betroffenen zunehmend die Befehlsgewalt über ihren Körper. Sie zittern beim Greifen von Gegenständen, können nur noch schwer den einen Fuß vor den anderen setzen, manchmal friert der Körper bis zur Bewegungslosigkeit ein. Aus dieser Starre lassen sie sich durch das Medikament Apomorphin manchmal wecken, es imitiert die Wirkung von Dopamin. Mit einem Placebo sind manche Patienten, so zeigte der Wissenschaftler von der Universität Vancouver damals in Science, fast genauso gut bedient, weil die Scheinbehandlung im Gehirn die eigene Dopaminproduktion wieder anwirft.

          Der sensationelle Effekt zeigte sich allerdings nur bei einer Minderheit der Patienten, die Mehrheit reagiert deutlich schwächer auf das Scheinmedikament. Bei anderen wollte es überhaupt nicht helfen. Und das Originalpräparat wirkt auch dreimal länger. „Der Placeboeffekt hat ganz klar seine Grenzen“, sagt Karin Meißner vom Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. So kann man, wie das Beispiel zeigt, sich nicht darauf verlassen, dass er stets und bei jedem sein volles Potential entfaltet. Vor einem Jahrzehnt hat die Medizinerin selbst noch alle Hoffnungen auf den Einsatz von Scheinmedikamenten gesetzt. Inzwischen ist auch sie ein Stück weit ernüchtert zu neuen Ufern aufgebrochen und beschäftigt sich in Coburg auf einem Lehrstuhl für Integrative Medizin damit, wie sich beide unter einen Hut bringen lassen: die echten und die vorgetäuschten Therapien.

          Egal, ob Scheinakupunktur, echtes oder unechtes Spray, alle Patienten fühlten sich besser

          Bis vor wenigen Jahren nahm man zum Beispiel an, es ließen sich mit Scheinmedikamenten bei Asthma wahre Wunderdinge erreichen. Wenn die Patienten nur glaubten, ein Mittel würde ihnen wieder zu mehr Luft verhelfen, schien auch einfacher Milchzucker ihre verengten Bronchien zu weiten. Michael Wechsler von der Harvard Medical School wollte sich damit nicht zufrieden geben und schaute 2011 genauer nach. Er verglich nicht nur echtes Asthmaspray mit einer wirkstofflosen Inhalation und einer Sham-Akupunkturtherapie, bei der die Nadeln nicht gemäß Lehre gesetzt wurden; er stellte diesen drei Probandengruppen noch eine vierte gegenüber, bei der gar nichts unternommen wurde. Und siehe da: Egal, ob Scheinakupunktur, echtes oder unechtes Spray, es ging nicht nur allen Patienten besser, sie gaben auch stets an, wieder besser Luft zu bekommen. Objektiv gemessen, hatte aber nur das wirkstoffhaltige Spray die Bronchien erweitert. Wechsler ging sogar soweit, die Kollegen davor zu warnen, den Auskünften ihrer Patienten zu sehr zu vertrauen. Denn offensichtlich seien die nicht in der Lage, ihrem Körper richtig zuzuhören.

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