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Placeboeffekt bei der OP : Die Aufschneider

  • -Aktualisiert am

Schon der Anblick des Operationsbestecks kann wahre Wunder bewirken. Bild: dpa

Chirurgen greifen gern zum Skalpell. Doch ob eine Operation hält, was sie verspricht, wird viel zu selten überprüft

          6 Min.

          Zu viel Experimentierfreude ist manchmal selbst Chirurgen unheimlich. Als der Kieler Gynäkologe Kurt Semm 1980 stolz berichtete, er habe einen Blinddarm ganz ohne großen Schnitt, nur durch eine paar kleine Löcher in der Bauchwand entfernt, forderte der Präsident des Chirurgenverbands dessen Rauswurf aus der Fachgesellschaft. Kollegen legten dem kühnen Mediziner nahe, die eigene Zurechnungsfähigkeit prüfen zu lassen, andere zogen bei seinen Vorträgen schlicht den Stecker. Sich bei einem Eingriff nur von einer kleinen, in den Bauchraum geschobenen Kamera leiten zu lassen und nicht offen, mit freiem Blick zu operieren - das schien vielen Chirurgen unethisch und vor allem viel zu gefährlich. Dabei sind sie auf ihrem Gebiet nicht gerade zimperlich und experimentell durchaus wagemutig, insbesondere bei unheilbaren Erkrankungen.

          Die Bedenken währten nicht lange. Schon bald wurde die Schlüssellochtechnik an steingefüllten Gallenblasen ausprobiert. 1989 besuchte der Kölner Chirurg Hans Troidl einen Kollegen in Frankreich und ließ sich von dem neuen Trend anstecken. „Troidls OP wurde zu einer Art internationalen Bühne“, beschreibt es Edmund Neugebauer, der damals in Köln-Merheim die Einführung dieser sogenannten laparoskopischen Cholezystektomie wissenschaftlich begleiten sollte. „Da standen jeden Tag fünf Leute aus aller Welt und schauten dem Team über die Schulter.“

          Unregulierter Fortschritt

          Kürzere Liegezeiten, weniger Schmerzen, niedrigere Komplikationsraten: Ärzte und Patienten waren aufgrund der angeblichen Erfolge begeistert. Wie ein Flächenbrand, erinnert sich Jörg Rüdiger Siewert, damals Chef-Chirurg am Münchner Klinikum rechts der Isar, habe sich das Verfahren weltweit verbreitet. Nur überprüft, ob es auch hielt, was es versprach, hatte bis dahin niemand. In der Chirurgie sei eine solche Waghalsigkeit nichts Ungewöhnliches, sagt Neugebauer: „Das gängige Prinzip ist immer noch Versuch und Irrtum. Man probiert etwas aus und gibt es an den Kollegen weiter, der testet es dann wiederum an den eigenen Patienten. Der Fortschritt geht völlig unreguliert vonstatten“, sagt der gerade erst emeritierte Direktor des Instituts für Chirurgische Forschung der Universität Witten/Herdecke. Anders als bei Medikamenten gibt es keine Institution, die darüber wacht, ob eine neue Operationsmethode sicher und sinnvoll ist.

          In Merheim wollte man es 1989 deshalb anders angehen und mögliche Fehler vermeiden. Aber als Edmund Neugebauer dort die neue Gallenblasen-Operation wie geplant kritisch unter die Lupe nehmen wollte, fanden sich weder Ärzte noch Patienten, die an seinen Studien teilnehmen wollten. Die einen waren zu begeistert vom neuen Spielzeug, die anderen zu berauscht von den Versprechungen der Ärzte. „Die wollten alle nur noch das neue Verfahren“, erinnert sich der Wissenschaftler.

          Endoskopie auf dem Prüfstand

          1996 gelang es dem Briten Aamir Majeed schließlich, genügend Teilnehmer für eine ähnliche Studie zu finden. Er kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Weder bei der Zahl der Liegetage noch bei der Erholungszeit nach dem Eingriff schnitt das neue Verfahren besser ab. Wie sich stattdessen bald herausstellte, hatte sich die Zahl gefährlicher Fehlschnitte in den Gallengang fast verdreifacht, seit man mittels Bauchspiegelung operierte. Auch wurden Darm und Blutgefäße häufiger verletzt.

          Mit besseren Geräten, durchdachten Schnitttechniken und erfahrenen Chirurgen, so weiß man heute, lässt sich auch endoskopisch sehr erfolgreich operieren. Aber nicht immer hat die übereilte Einführung neuer chirurgischer Geräte, Implantate und Methoden ein solches Happy End.

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