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Pille-Innovation : Nur einmal monatlich verhüten

  • -Aktualisiert am

Verhütungspillen Bild: dpa

Plastik mit Zukunft? Für die Verhütung könnte ein künstlicher Stern mit Hormonfüllung eine neue Zeit einläuten. Die Pille müsste dann nur einmal monatlich genommen werden – vorausgesetzt die Frauen schlucken das.

          2 Min.

          Vielen Patienten fällt es schwer, ihre Medikamente regelmäßig und stets zur gleichen Zeit einzunehmen. Es würde ihnen helfen, wenn sie ihre Arzneimittel nur ein- oder zweimal im Monat nehmen müssten, ohne damit den Behandlungserfolg zu riskieren. Das gilt auch für die Verhütungspille. Von den Frauen, die mit der Pille verhüten, werden neun Prozent pro Jahr schwanger, weil ihnen ein Fehler bei der Einnahme unterlaufen ist.

          Ihnen kann womöglich bald geholfen werden. Robert Langer und Giovanni Traverso vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge suchen seit Jahren nach magensaftresistenten Materialien, aus denen Wirkstoffe über einen längeren Zeitraum freigesetzt werden können. In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Science Translational Medicine“ stellen sie einen Prototyp für eine Pille vor, die nur einmal im Monat geschluckt werden müsste, weil sie aus einem solchen stablien Material besteht.

          Der Prototyp ist zwar derzeit nicht mehr als ein Machbarkeitsbeweis und noch weit von einer möglichen Marktreife entfernt, aber er ist der „Bill und Melinda Gates Foundation“ immerhin eine Förderung von 13 Millionen Dollar wert. Gezahlt wird diese Summe an die von den MIT-Forschern mitgegründete Firma Lyndra Therapeutics. Die Gates-Stiftung möchte vor allem Frauen in den Entwicklungsländern mit einer solchen Pille bei ihrer Familienplanung helfen und letztlich die Zahl der Schwangerschaften reduzieren. Es gibt zwar auch andere langwirkende Verhütungsmittel wie die Spirale, aber die Pille ist das bevorzugte Mittel weltweit.

          Magensäure resistenter Kunststoff

          Den Prototyp für die neuartige Pille haben Langer und Traverso an Schweinen getestet. Er besteht aus einer Gelatinekapsel mit einem zusammengefalteten Stern aus zwei magensaftresistenten Kunststoffen, die mit dem synthetischen Gestagen Levonorgestrel beladen sind. Über die Art und die Zusammensetzung der Kunststoffe kann offensichtlich die Freisetzung des Verhütungsmittels und damit seine Dosierung gesteuert werden. Der Stern entfaltet sich im Magen, sobald die Kapsel vom Magensaft aufgelöst worden ist. Aufgeklappt ist er dann so groß, dass er nicht mehr durch den Magenpförtner in den Zwölffingerdarm geschoben werden kann und deshalb im Magen verbleibt. Die Wissenschaftler konnten in ihren Tierexperimenten zeigen, dass Levonorgestrel drei Wochen lang gleichmäßig abgegeben wird und im Blut Konzentrationen erreicht, die auch mit einer täglichen Dosis erreicht werden.

          Damit das neue Freisetzungssystem tatsächlich für eine Pille genutzt werden kann, muss der Stern am Ende des Monats abgebaut werden. Die Forscher müssen also als Nächstes einen Mechanismus entwickeln, der die Kunststoffe gezielt zerlegt, damit die Reste über den Darm ausgeschieden werden können. Über einen solchen Mechanismus muss sich die Einnahme auch gezielt stoppen lassen, wenn sie aus irgendeinem Grund nicht mehr erwünscht oder gar gefährlich ist. Auch die Beständigkeit scheint angesichts der permanenten Magenbewegungen noch ein Problem zu sein. Bei den Tierexperimenten waren Ärmchen des Sterns abgebrochen, die über den Darm ausgeschieden wurden. Ein solcher Verlust reduziert die Menge des vorhandenen Wirkstoffs und würde die Wirkung der Pille gefährden. Es muss auch sichergestellt sein, dass nicht versehentlich das gesamte Verhütungsmittel auf einen Schlag freigesetzt, sondern dass die Substanz nur in den vorgesehenen Dosen und Intervallen abgegeben wird.

          Für die beiden Forscher ist die Pille nicht die erste Entwicklung dieser Art. Sie haben schon ähnliche Wirkstoff-Sterne für die verzögerte Freisetzung von Malaria- und HIV-Medikamenten entwickelt, allerdings aus anderen Kunststoffen, aber mit dem gleichen grundsätzlichen Design. Noch sind auch diese Freisetzungssysteme bisher nur in Schweinen getestet worden. Auf der Wunschliste stehen noch Systeme, die Wirkstoffe gegen Alzheimer-Demenz und psychische Erkrankungen über einen längeren Zeitraum abgeben, weil auch bei diesen Erkrankungen die mangelnde Therapietreue ein großes Problem ist.

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