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Pille danach : Arzneimittelstreit um die „Notfallverhütung“

  • -Aktualisiert am

In Frankreich in Schulen verteilt: Levonorgestrel Bild: Schering

Ärzte können seit einigen Wochen zwischen zwei Wirkstoffen wählen, wenn sie von Frauen um ein Rezept für die Notfallverhütung nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr gebeten werden. Doch welche ist die bessere?

          Ärzte können seit einigen Wochen zwischen zwei Wirkstoffen wählen, wenn sie von Frauen um ein Rezept für die Notfallverhütung nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr gebeten werden: dem seit längerem zugelassenen Levonorgestrel sowie dem neu verfügbaren Ulipristal. Damit stellt sich die Frage, welche "Pille danach" die bessere ist, die alte oder die neue. Die Meinungen darüber gehen inzwischen durchaus auseinander.

          Deutsche Fachärzte für die neue Pille


          Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin hat sich durch ihren Präsidenten, Thomas Rabe von der Universität Heidelberg, für die neue Pille stark gemacht. Giuseppe Benagiano von der Universität Rom und Helena von Hertzen von der Universität Genf sind dagegen reserviert und verweisen in der Zeitschrift "Lancet" (Bd. 375, S. 527) auf offene Fragen. Diese beziehen sich nicht auf die Wirksamkeit der beiden Substanzen, sondern darauf, wie die Medikamente eine ungewollte Schwangerschaft verhindern und welchen Stellenwert die Verschreibungspflicht bei der Notfallverhütung hat.

          Der alte Wirkstoff wird in den meisten europäischen Ländern ohne Rezept abgegeben. In Frankreich werden diese Pillen sogar in den Schulen verteilt. In Deutschland fallen sie unter die Verschreibungspflicht, obwohl sich der zuständige Ausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte schon vor Jahren für eine Aufhebung der Rezeptpflicht ausgesprochen hat. Die Frauenärzte haben sich seitdem vehement für eine Beibehaltung eingesetzt und verweisen auf den besonderen Beratungsbedarf, den Frauen in einer solchen Notlage haben ("Frauenarzt", Bd. 50. S. 784).

          Rezept nach dem Wochenende

          Der neue Wirkstoff muss überall verschrieben werden, weil er erst vor kurzem zugelassen wurde. Allerdings verhindert er mehr Schwangerschaften und wirkt länger als der alte. Er kann bis zu fünf Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden, der alte Wirkstoff nur bis zum dritten Tag. Mit dem neuen Wirkstoff kann der Arztbesuch also auch auf die Zeit nach dem Wochenende verschoben werden. Die Fachgesellschaft der Gynäkologen und Fortpflanzungsmediziner sieht darin einen besonderen Vorteil. Dass es schwer sein kann, am Wochenende ein Rezept zu bekommen, ist von den Gegnern der Verschreibungspflicht immer wieder als Argument für den freien Zugang über die Apotheken angeführt worden. Mit der längeren Wirkung des Ulipristals entfällt dieses Argument. Für minderjährige Frauen sind Sicherheit und Wirksamkeit des neuen Wirkstoffs noch nicht belegt worden, weil diese Altersgruppe gar nicht oder nur mit wenigen Ausnahmen an den klinischen Studien beteiligt war.

          Offene Fragen sehen Benagiano und von Hertzen insbesondere beim Wirkmechanismus. Die neue "Pille danach" erzeugt einen ähnlichen biologischen Effekt wie Mifepriston in der Abtreibungspille RU486, allerdings kann sie keine Abtreibung auslösen, weil sie nicht die dafür nötige Dosierung enthält und weil ihr kein künstliches Prostaglandin zugesetzt wurde, das bei der Abtreibungspille die Abstoßung der Leibesfrucht fördert. Trotzdem warnt die europäische Arzneimittelagentur in ihrem Prüfbericht vor Missbrauch und fordert eine strikte Kontrolle des bestimmungsgemäßen Gebrauchs.

          Ähnlichkeiten zur Abtreibungspille?

          Beide Wirkstoffe hemmen den Eisprung und beeinträchtigen die Reifung der Gebärmutterschleimhaut. Der neue Wirkstoff unterdrückt die Wirkung des Progesterons, der alte die Ausschüttung des luteinisierenden Hormons. Allerdings vermuten Benagiano und von Hertzen, dass Ulipristal als Hemmstoff für die Einnistung eine größere Wirkung hat als Levonorgestrel, was auch eine Erklärung für seine längere Wirkung sein könnte. Als Nidationshemmer wäre die neue "Pille danach" aber ethisch anders zu beurteilen als ein Produkt, das vor allem den Eisprung beeinflusst.

          Beide Mittel können nicht jede Schwangerschaft verhindern. Levonorgestrel verursacht keine Missbildungen, falls die Schwangerschaft trotzdem zustande kommt. Das lässt sich aus der millionenfachen Anwendung ableiten. Das Produkt ist in mehr als 140 Ländern zugelassen, in 50 ohne Rezeptpflicht. Von dem neuen Wirkstoff weiß man in dieser Hinsicht wenig. In Tierexperimenten tötet er die heranwachsenden Embryonen ab. Aus dem Prüfbericht der europäischen Arzneimittelagentur geht hervor, dass in den Studien 29 Frauen trotz Einnahme des Wirkstoffs schwanger wurden. 16 haben eine Abtreibung vornehmen lassen, sechs hatten eine spontane Fehlgeburt, sechs haben die Schwangerschaft fortgesetzt. Vier Kinder kamen gesund zur Welt, von den anderen weiß man nichts. Der Hersteller hat angekündigt, ein Register zu führen, in dem festgehalten wird, wie die Schwangerschaften ausgehen, die trotz der Pille zustande gekommen sind.

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