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Hautkrebs : Ein Screening mit Schwächen

  • -Aktualisiert am

Mit Hauttyp I sollte man erst gar nicht versuchen, braun zu werden - und sich vielleicht mal vom Dermatologen untersuchen lassen. Doch das gestaltet sich nicht so einfach, wie die Krankenkasse verspricht. Bild: Getty

Nur Pigmentfleck – oder ein gefährliches Melanom? Um Hautkrebs früh zu erkennen, gibt es ein nationales Screening. Doch die wenigsten wissen davon. Und das Programm hat große Schwächen.

          Der erste Anruf bei einem Hautarzt ist ernüchternd: „Einen Termin zum Hautkrebstest? Da müssen Sie sich mindestens zwei Monate gedulden.“ Ob man privat versichert sei, fragt die Sprechstundenhilfe am Telefon des zweiten Hautarztes. Nein? Dann werde es mit der Überprüfung der Leberflecken nichts werden. Bei Kassenpatienten dürfe man Muttermale nicht mehr untersuchen, sagt sie noch, was allerdings nicht stimmen kann. Beim nächsten Versuch möchte man dem Patienten für die Untersuchung 18 Euro abnehmen. Erst nach dem zehnten Telefonat ist endlich ein Termin bei einem Münchner Dermatologen arrangiert, für den man nicht ins Portemonnaie greifen muss. Doch drei Wochen muss man sich in Geduld üben.

          Eigentlich soll der Check, ob sich auf der Haut verdächtige Pigmentflecken oder Muttermale zeigen, allen Deutschen ab 35 kostenlos zur Verfügung stehen. Seit elf Jahren dürfen sie im Rahmen des nationalen Hautkrebsscreenings dazu alle zwei Jahre einen Arzt aufsuchen. Allerdings nehmen nur 15 Prozent der Berechtigten diese Chance wahr. Muss man sich darüber wundern, wenn sich die Suche nach einem Mediziner von Anfang an so schwierig gestaltet? Bei genauerem Blick auf das Programm ist auch die Zwischenbilanz nicht besonders motivierend.

          Schwarzer Hautkrebs fordert weiter Tote

          Kaum hatte man begonnen, besser nachzuschauen, ist die Zahl der entdeckten Melanome erwartungsgemäß in die Höhe geschossen, und zwar um 28 Prozent. Auch nach anderen Krebserkrankungen der Haut wird gefahndet, aber die malignen Melanome nehmen deutlich häufiger einen tödlichen Verlauf – und in dieser Hinsicht haben die Tests der Bevölkerung bisher wenig gebracht. Das hat Alexander Katalinic, Leiter des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität Lübeck, vor vier Jahren auf Basis eigener Recherchen im Deutschen Ärzteblatt berechnet. Am schwarzen Hautkrebs sterben immer noch so viele Menschen wie vor Einführung des Screenings, 2015 waren es rund dreitausend. Was laut Katalinic dadurch erklärt werden könnte, dass die vermehrt entdeckten Geschwüre oft sogenannte Überdiagnosen sind, die ohne Notwendigkeit herausgeschnitten werden. Gleichzeitig würden dem Programm, so berichtete er vergangenes Jahr im Bundesgesundheitsblatt, rund 85 Prozent der tatsächlichen Neuerkrankungen entgehen.

          Ein Hautarzt untersucht mit einem Auflichtmikroskop die Haut einer Patientin nach auffälligen Leberflecken.

          Dabei hatten die Wegbereiter des Screenings bei einer Art Probedurchlauf in Schleswig-Holstein schon Anfang der 2000er Jahre gezeigt, dass man es besser machen kann. Fast 1800 Dermatologen, Hausärzten und anderen Medizinern wurde in einer achtstündigen Schulung beigebracht, worauf bei einem solchen Check zu achten ist. Plakataktionen, Zeitungsanzeigen, Flyer und Radiospots sorgten dafür, dass die Bevölkerung von dem neuen Angebot erfuhr. Die Botschaft kam an. Innerhalb von zwölf Monaten ließen rund 360.000 Norddeutsche über 20 ihre Haut in Augenschein nehmen – von solchen Zahlen kann man heute nur träumen. Und es zeigten sich schnell Erfolge: Innerhalb von fünf Jahren sank die Zahl der tödlichen Melanom-Fälle auf die Hälfte.

          Fast jeder Zweite weiß nichts von der möglichen Untersuchung

          Aus dem Pilotprojekt wurde vieles ins nationale Screening übernommen. So erhalten Haut- und Hausärzte eine kurze Schulung, andere Mediziner sind jedoch nicht zugelassen. Fallen den Hausärzten nun verdächtige Leberflecken oder Befunde auf, müssen sie die Patienten zur Kontrolluntersuchung zum Dermatologen weiterleiten, so war es schon in Schleswig-Holstein Usus. Sorgt sich auch dieser, wird die fragliche Stelle herausgeschnitten und von einem Pathologen untersucht. Auf eine Werbekampagne hat man allerdings verzichtet, und laut Umfragen haben mehr als vierzig Prozent der Berechtigten offenbar keine Ahnung, dass die Hautuntersuchung möglich ist. Zu anderen Programmen der Krebsfrüherkennung wie Darmspiegelung oder Mammographie werden die Versicherten schriftlich eingeladen, aber das ist hier nicht vorgesehen.

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