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Pharmakologie : Alte Pillen, neuer Nutzen

  • -Aktualisiert am

Medikamente gegen seltene Krankheiten sind oft extrem teuer. Bild: ddp Images

Tausende Medikamente sind auf dem Markt, zugelassen für bestimmte Krankheiten. Je genauer man weiß, wie sie wirken, desto vielseitiger kann man sie unter Umständen einsetzen. Davon würden Pharmaunternehmen und Patienten profitieren.

          Zwölf Patienten waren es nur. Es gab keine Kontrollgruppe, und die an Parkinson oder der sogenannten Lewy-Körperchen-Demenz erkrankten Probanden wussten, was für Tabletten sie schluckten. Keine idealen Voraussetzungen, um die Wirkung eines Medikaments zu belegen. Formal betrachtet.

          Trotzdem erregte die Studie an der Georgetown-Universität in Washington erhebliches Aufsehen im vergangenen Herbst: Bei zehn dieser Schwerkranken verbesserten sich während der sechsmonatigen Behandlung sowohl die motorischen als auch die kognitiven Fähigkeiten deutlich. Einige konnten ihre Parkinson-Medikamente absetzen, drei Probanden waren wieder in der Lage, Unterhaltungen zu führen, einer verzichtete gar auf seinen Rollstuhl. „Zum ersten Mal scheint damit eine Therapie den Fortschritt dieser Erkrankungen aufzuhalten und umzukehren, anstatt nur Symptome zu verbessern“, sagt Charbel Moussa, Professor für Neurologie an der Georgetown-Universität, der diese Studie initiiert hatte.

          In den Blutproben fanden sich auch weniger jener Eiweißmoleküle, die im weiteren Verlauf der Erkrankungen ansteigen. All diese Veränderungen bewirkte vermutlich ein Medikament namens Nilotinib. Es ist in Deutschland seit acht Jahren auf dem Markt - zugelassen für die Behandlung von chronischer myeloischer Leukämie. Und nur dafür. Sollte sich jedoch in größeren, placebokontrollierten Studien bestätigen, dass dieses Krebsmedikament auch neurodegenerative Erkrankungen aufhält, würden nicht nur Neurologen feiern: Es wäre ein Erfolg für ein aufstrebendes Forschungsfeld, das „Drug Repositioning“ oder „Drug Repurposing“. Denn Moussa und viele andere Mediziner versuchen, existierende Arzneistoffe vielfältiger zu nutzen.

          An die 1500 Pharmazeutika hat die amerikanische Zulassungsbehörde FDA seit den 1930er Jahren zugelassen. Weit mehr Verbindungen, die es aus den unterschiedlichsten Gründen niemals auf den Markt geschafft haben, sind in den Datenbanken von Pharmaunternehmen gespeichert. Könnte man sie aus dem Dornröschenschlaf reißen und ihr Potential nutzen, anders als ursprünglich vorgesehen, wäre das von Vorteil: „Wir profitieren von dem bereits vorhandenen Wissen über das Medikament“, sagt Charbel Moussa.

          Neuanwendungen sind vergleichsweise günstig ...

          Wenn bereits Daten über Sicherheit, Neben- und Wechselwirkungen im menschlichen Organismus vorliegen und der Wirkmechanismus bekannt ist, lassen sich Dauer und Kosten der Entwicklung erheblich reduzieren. Die Wohltätigkeitsorganisation „Cures within Reach“ schätzt, dass solche zweitverwerteten Arzneimittel innerhalb von drei Jahren für Patienten erhältlich sein können, während Neuentwicklungen meist länger als zehn Jahre in Anspruch nehmen. Die Pharmaindustrie beziffert den finanziellen Aufwand, um ein Medikament auf den Markt zu bringen, auf 1,5 Milliarden Dollar. Eine Neupositionierung wäre wohl für eine halbe Million machbar. Und der Erfolg ist mit 1:10 wahrscheinlicher, anstelle von 1:10.000, wenn ein brandneues Molekül erforscht werden muss.

          ... und die Nebenwirkungen gut erforscht

          Beispiele, die erfolgreich in der Neuanwendung sind, gibt es einige. So sollte Viagra ursprünglich gegen Bluthochdruck helfen, heute kommt es nicht nur bei Erektionsstörungen, sondern auch bei Lungenhochdruck zum Einsatz. Der Wirkstoff Thalidomid, der in Deutschland unter dem Namen Contergan auf den Markt kam, sorgte als Schlaf- und Beruhigungsmittel in den späten fünfziger Jahren für einen der größten Medizinskandale überhaupt; dreißig Jahre später wurde seine Wirkung gegen Lepra und verschiedene Krebsarten entdeckt - er ist nun ein wichtiges Arzneimittel. Das Antiepileptikum Pregabalin dient inzwischen Angst- und Schmerzpatienten.

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