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Pest : Einst half nur Doktor Schnabel

Zum Schutz vor der Infizierung mit dem Schwarzen Tod trugen die Ärzte im 17. Jhd. lange Mäntel und solche Schnabelmasken Bild: Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt. Foto: Michael Kowalski

Der Schwarze Tod entvölkerte das Europa des späten Mittelalters. Bis heute ist umstritten, ob tatsächlich Pestbakterien dafür verantwortlich waren. Jetzt sollen neue Studien endültig Antworten geben.

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          Der Tod kam per Schiff. Im Herbst 1347 legte er im Hafen von Messina an: Genuesen, die bereits ihre Festung auf der Halbinsel Krim aufgeben mussten, hatten die Pest an Bord. Schon wenige Tage nach ihrer Ankunft begann in der Stadt das große Sterben. Die Einwohner flohen in die Weinberge oder suchten Schutz im nahe gelegenen Catania. Tausende hofften, die dort aufbewahrten Reliquien der heiligen Agatha könnten ein Wunder vollbringen. Doch weder vermochten es ihre Gebete, noch waren die ängstlichen Nachbarn besonders willig, den Flüchtlingen zu helfen. Denn der Tod war ihr Begleiter.

          Sonja Kastilan
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Sizilien nahm der aus Asien stammende Seuchenzug somit seinen Anfang, erreichte bald darauf das europäische Festland und breitete sich innerhalb der folgenden Monate und Jahre über den ganzen Kontinent aus. Dass die „ Justinianische Plage“ im sechsten Jahrhundert den Mittelmeerraum ähnlich verheert hatte, war längst verdrängt oder vergessen.

          Auslöser des Schwarzen Todes

          Neapel, Pisa, Florenz, Marseille: Wichtige Seehäfen waren die Einfallstore des Schwarzen Todes, wie man die Pestilenz des Mittelalters später taufte. Auf Handelswegen ging es flussaufwärts und über Land. 1349 griff die Pest den deutschen Raum aus mehreren Richtungen an. Niemand ahnte damals etwas von Krankheitskeimen, Viren oder eben Bakterien. Stattdessen verdächtigte man ungünstige Planetenkonstellationen, giftige Dünste (sogenannte Miasmen), Teufelswerk oder Gotteszorn. Und bis heute streiten Historiker und Epidemiologen mit Mikrobiologen über die tatsächliche Ursache.

          Bild: F.A.Z.

          Eine jetzt im Fachjournal PLoS Pathogens veröffentlichte Studie könnte diese Diskussion jetzt beenden. Zwei Anthropologinnen der Universität Mainz liefern erhellende Argumente, nachdem sie in internationaler Zusammenarbeit die Gebeine von 76 Pestopfern molekulargenetisch untersuchten. Bisherige DNA-Analysen hatten Zweifel offengelassen, mit neuen Methoden entlockte das Team um Barbara Bramanti nun jahrhundertealten Zähnen das Geheimnis vom Schwarzen Tod.

          Yersinia pestis als Erreger erkannt

          „Zu Beginn entstanden bei Männern und Frauen Schwellungen in der Leistenbeuge oder in der Achselhöhle, zuweilen groß wie ein Ei oder ein Apfel. Es erschienen überall am Körper schwarze oder bläuliche Flecken. Sie waren immer die Vorboten des Todes“, beobachtete Boccaccio in Florenz, wo der Pest zwischen März 1348 und Juni 1349 etwa hunderttausend Menschen zum Opfer fielen. Ein Drittel der europäischen Bevölkerung, rund 20 Millionen, raffte die Plage am Ende des Mittelalters dahin - es können auch doppelt so viele gewesen sein. Immer wieder suchte die Seuche Städte und Landstriche heim, bis ins 18. Jahrhundert sollte die Bedrohung bestehen bleiben; Pestkreuze und -säulen erinnern an diese große Not, ebenso Masken des Venezianischen Karnevals, wie sie einst Ärzte, von Zeitgenossen als Doktor Schnabel oder Storch karikiert, getragen haben.

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