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Patientensicherheit : Noch mehr Fehlerkultur im Operationssaal

  • -Aktualisiert am

Matthias Rothmund ist auf dem Chirugen-Kongress in Berlin mit dem Rudolf-Zenker-Preis geehrt worden Bild: Universität Marburg

Die Fehlerkultur in der Chirurgie gehört heute zum Alltag. Viele Maßnahmen haben die Patientensicherheit bereits beträchtlich erhöht. Doch der Pionier der Patientensicherheit sieht schon das nächste große Thema.

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          „Die Fehlerrate im Gesundheitswesen ist unzumutbar hoch“ hieß es in einem Bericht, den das Institut für Medizin der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften Ende des Jahres 1990 veröffentlichte. Diese Feststellung, die später durch weitere Studien erhärtet wurde, galt nicht nur für das amerikanische Versorgungssystem, sondern auch für den Medizinbetrieb in anderen Industriestaaten. Doch Amerika war das erste Land, das nicht länger bereit war, die mit den hohen Fehlerraten verbundenen humanitären und finanziellen Belastungen weiter hinzunehmen.

          Fehler in der Chirurgie können besonders folgenträchtig sein. Deshalb hat die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie die „Patientensicherheit“ als erste deutsche Fachgesellschaft im Jahre 2005 zu ihrem Thema gemacht. Unter der Leitung des damaligen Präsidenten, des Marburger Allgemein- und Viszeralchirurgen Matthias Rothmund, beschäftigte sich die Tagung konsequent mit diesem wichtigen, bei vielen seiner Kollegen keineswegs besonders attraktiven Komplex. Vor allem das teils verheerende Echo der Medien bereitete damals Rothmund und den Chirurgen vielerlei Verdruss.

          Jetzt, fünf Jahre später, hat sich die Situation entscheidend gewandelt. Die Fehlerkultur in der Chirurgie gehört heute zum Alltag. Viele Maßnahmen haben die Patientensicherheit bereits beträchtlich erhöht, andere sind angelaufen. Für seine Verdienste ist Rothmund in der vergangenen Woche auf der Jahrestagung 2010 mit dem Rudolf-Zenker-Preis geehrt worden. Zenker gehörte zu den führenden Chirurgen der Nachkriegszeit.

          Eine Checkliste der Weltgesundheitsorganisation

          In einem Gespräch mit dieser Zeitung wies Rothmund die Vorstellung, es handelte sich damals um eine mutige Pionierleistung, zurück. Ihn habe vielmehr der Rückstand der deutschen Medizin angetrieben. Die Deutschen würden die internationale Literatur vernachlässigen. Wichtige Entwicklungen wie die großen „Sicherheitsstudien“ seien ihnen daher entgangen. Der Kongress von 2005 habe dann jedoch einen Prozess in Gang gesetzt, der zur Verbesserung der strukturellen Systeme führte. Es ging nicht mehr darum, das Versagen einzelner Ärzte oder Pfleger anzuprangern, sondern zu erkennen, dass Fehlverhalten sich in einer Kette komplexer Prozesse ereigne, die optimiert werden müssten. Deshalb habe die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie im Jahre 2008 eine Checkliste der Weltgesundheitsorganisation übernommen. Sie sorge kurz vor einem operativen Eingriff dafür, dass Verwechslungen bei Patienten oder Eingriffen minimiert würden. Zusammen mit dem Aktionsbündnis Patientensicherheit sei man außerdem dabei, „kritische Vorkommnisse“ systematisch zu erfassen und daraus weitere vorbeugende Maßnahmen abzuleiten, etwa für ausreichend feste Verbindungen zwischen Kathetern und Schläuchen zu sorgen. Ein weiterer Bereich der Patientensicherheit, der zunehmend in den Fokus gerät, sind die nach Operationen auftretenden Komplikationen. Dabei handelt es sich um unerwünschte Folgen von Krankheiten oder medizinischen Maßnahmen, die nicht im engeren Sinne zum eigentlichen Krankheitsbild gehören, etwa Infektionen, Blutungen oder Thrombosen. Postoperative Komplikationen treten trotz aller Vorsorge bei 15 bis 20 Prozent der Patienten auf. 80 Prozent davon sind chirurgischer Natur.

          „Das wird schon gut gehen“

          Inzwischen hat sich herausgestellt, dass nicht so sehr die Komplikationen das Schicksal der Kranken bestimmen, sondern die Gegenmaßnahmen. Es muss vor allem schnell gehandelt werden. Es komme darauf an, die ersten Anzeichen zu erkennen. Verzögere sich die Antibiotikatherapie nur um eine Stunde, sei die Sterberate der Patienten zehn Prozent höher als bei frühzeitigem Beginn.

          Für Rothmund ist bei der Bekämpfung von Komplikationen vor allem die Erfahrung des Chirurgen wichtig. Da auf den meist von Anästhesisten geleiteten Intensivstationen die chirurgische Kompetenz zurückgeht, kommt gemeinsamen Visiten große Bedeutung zu. Der Chirurg, der den Eingriff vorgenommen hat, weiß, welche Komplikationen auftreten können und wie man diese am besten angeht. Die lange weit verbreitete Ansicht „Das wird schon gut gehen“ sei auf keinen Fall zu rechtfertigen, zumal, wie Rothmund aus eigener Erfahrung weiß, Komplikationen die Lebensqualität der Patienten erheblich beeinträchtigen können und wesentlich zur Verlängerung des Krankenhausaufenthaltes und der Kosten beitragen.

          Es geht ums Überleben

          Es geht bei den Komplikationen jedoch nicht nur um die Lebensqualität, sondern auch ums Überleben. Eingehende Erhebungen an amerikanischen chirurgischen Kliniken haben gezeigt, dass die konsequente Bekämpfung der Komplikationen die Mortalität während des Krankenhausaufenthaltes beträchtlich senkt. So lag die Rate schwerer Komplikationen an den erfassten Krankenhäuser jeweils bei rund 17 Prozent, die Mortalität jedoch zwischen 12,5 und 21,4 Prozent. Daraus schließen die Experten, in einem kompetenten Komplikationsmanagement dürfte auch der Vorteil großer Krankenhäuser liegen, die auch bei vergleichsweise seltenen Eingriffen, etwa an Bauchspeicheldrüse und Speiseröhre, über ausreichend Erfahrung verfügen.

          Ein noch viel zu wenig beachteter Faktor ist schließlich der Patient. Rothmund sieht hier Möglichkeiten zur Verringerung der Komplikationen vor allem in einer besseren Standardisierung der Risikoanalyse. Gefährdete Patienten müssten besser auf die Operation vorbereitet werden. Manchmal muss auch das Ziel des Eingriffs geändert werden. All dies gelte, so Rothmund, nicht nur für prominente Patienten: Als Boris Jelzin von dem amerikanischen Herzchirurgen Michael DeBakey operiert werden sollte, lehnte dieser den Eingriff zunächst ab. Der Kranke musste erst internistisch dazu gebracht werden, die Herzoperation möglichst zu überleben.

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