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Patienten im Wachkoma : Das Bewusstsein ist ein dünner Faden

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Nicht einmal die moderne Bildgebung bringt Gewissheit, was Komapatienten wahrnehmen: Patienten und Krankenhauspersonal in einem Koma-Forschungszentrum in Belgien Bild: bruno stevens / cosmos / Agentur

Koma-Patienten im Abseits: Viele Patienten werden falsch diagnostiziert und einfach liegen gelassen. Ärzte warnen: Hirnbilder sagen zu wenig, die Prognose muss immer wieder überprüft werden.

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          Eine „erschreckend hohe Rate an Fehldiagnosen“ beklagt Andreas Bender im „Deutschen Ärzteblatt“ für jene, die er zu den verletzlichsten zählt – Patienten im Wachkoma. Die Ungewissheit, die der Neurologe und Leiter des Therapiezentrums Burgau in seinem Artikel beim Namen nennt und mit Studien belegt, betrifft nicht nur den Ist-Zustand dieser Kranken, sondern auch ihre Zukunft. Denn aus den Diagnosen leitet sich ab, wie viel Mühe das medizinische System ihnen zugesteht, genauer: Wie viel Rehabilitation und welche sie noch erhalten oder ob sie ohne Hoffnung auf Fortschritte lediglich versorgt werden. Schon die Angabe, dass in Deutschland 1500 bis 5000 Wachkoma-Patienten lebten, bezeugt, dass man sich über die Größenordnung nicht im Klaren ist. Schwierig ist vor allem die Unterscheidung zwischen Wachkoma und einem minimal erhaltenen Bewusstseinszustand. Nach einer schweren Hirnschädigung, etwa nach einem Unfall, bezeichnet man als Koma den Zustand der tiefen Bewusstlosigkeit, in dem die Kranken auch nach Beenden der Schmerzstillung und Betäubung ihre Augen nicht öffnen und keinerlei Kontakte herstellen können.

          Im besten Fall erlangen Komapatienten wieder das Bewusstsein. Allerdings geht, vor allem im Falle einer schwerwiegenden Beeinträchtigung, ein solch tiefes Koma mitunter in ein Wachkoma über, in dem der Patient zwar die Augen öffnet, es aber keine Hinweise für Kontaktfähigkeit oder Bewusstsein gibt. Dieser Zustand wird auch als apallisches Syndrom bezeichnet, weil man damit früher ausdrücken wollte, dass die das bewusste Denken prägende Hirnsubstanz fehlt, irreversibel zerstört ist. Wie brüchig diese Definition stets war, lässt sich schon daran erkennen, dass dennoch bei einem Teil der Patienten nicht nur Reflexe, sondern auch reproduzierbare Verhaltensweisen erkennbar werden, die auf eine Art gezielte Antwort und damit auf eine Interaktion mit der Umgebung hindeuten. Daher spricht man in einem solchen Fall von dem Syndrom des minimalen Bewusstseins oder „minimal conscious state“ – MCS. Eben diese Abgrenzung zwischen Wachkoma und MCS gelingt je nach Studie in 37 bis 43 Prozent der Fälle aber nicht richtig, wie Bender in seiner Analyse darstellt (Bd.112, S.235). „Diese Kranken werden zu Unrecht als Wachkoma-Patienten eingestuft, obwohl es eindeutige Hinweise auf erhaltenes Bewusstsein gibt“, erläutert Bender. Eine solche Einordnung hat gravierende Folgen: „Denn das bedeutet, dass die Patienten womöglich verfrüht nur noch palliativ behandelt werden. Sie erhalten nicht die Neurorehabilitation, also die Förderung und Ansprache, die sie benötigen, um weitere Fortschritte zu machen“, so der Neurologe.

          Bildgebung ist unsicher

          Die Unsicherheit bezieht sich sowohl auf die Methodik als auch auf den Zeitverlauf. Selbst moderne Bildgebungsverfahren zum Nachweis eines Hirnstoffwechsels oder einer Neuronentätigkeit, etwa die funktionelle Magnetresonanztomografie, die Positronenemissionstomographie oder spezielle EEG-Methoden, sind nicht zweifelsfrei in der Lage, die beiden Zustände voneinander abzugrenzen und auf Dauer eine Prognose abzugeben. Selbst eine auf die Zukunft gerichtete Validierung der Verfahren ist nicht möglich. Denn die Betroffenen haben keine Erinnerung an die Zeit ihres eingeschränkten Bewusstseins, deshalb lässt sich im Nachhinein nicht korrelieren, welche inneren Zustände und Empfindungen den Bildern oder Befunden entsprachen. „Außerdem können wir heute nicht mehr behaupten, wer längere Zeit im Wachkoma lag, könne nie mehr aufwachen. Das ist schlicht falsch“, hebt Bender hervor.

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