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G4-Virus auf Pandemie-Kurs? : Chinesen warnen vor der Wiederkehr der Schweinegrippe

Schweinemastbetriebe geraten immer wieder als Quelle humanpathogener Influenzaviren in den Fokus. Bild: AP

Eine Pandemie-Warnung zum ungünstigsten Moment. Forscher aus Peking haben einen Influenzavirus-Typ im Visier, der in Schweinemast-Hochburgen immer dominanter wird. Menschen stecken sich an – doch die akute Gefahr ist unklar.

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          Grippe-Spezialisten warnen vor einem neuen Influenza-Stamm mit Pandemie-Potential. Nicht zum ersten Mal. Das hat es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, auch lange nach dem kurzen Aufflackern der Schweinegrippe-Pandemie vor elf Jahren. Die neue Warnung jedoch dürfte viele ins Mark treffen, denn sie kommt mitten in der ungelösten Coronavirus-Pandemie und der Debatte um seuchenanfällige Massentierbetriebe zu einem denkbar ungünstigsten Moment. „Der G4-Genotyp der Schweinegrippe-Reassortanten besitzt inzwischen alle entscheidenden Merkmale, das es zu einem Kanidaten für eine Influenza-Pandemie macht“, schreibt eine Gruppe chinesischer Influenza-Forscher in den „PNAS“, der publizistischen Bühne der amerikanischen Nationalen Wissenschaftsakademien – ein weltweit bedeutendes und vor allem auch breit wahrgenommenes Wissenschaftsmagazin.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Sars-CoV-2 und die Grippe gleichzeitig im Umlauf, wohlgemerkt: eine gewöhnliche Influenza – schon dieses Szenario gilt den Seuchenexperten als „der perfekte Sturm“. Für den kommenden Herbst und Winter wäre das ein realistisches Szenario – Intensivstationen kämen womöglich  schnell ans Limit. Aber ein veritables Pandemie-Influenzavirus und das neue Coronavirus zusammen? Noch ist es nicht soweit. Und vielleicht wird es auch gar nicht dazu kommen, bis tatsächlich Corona-Impfungen verfügbar sind. Zweifellos aber liefert die Studie der chinesischen Virologen um Honglei Sun, die von Veterinärmedizinern aus Peking und dem Frühwarnzentrum der chinesischen Wissenschaftsakademie vorgenommen wurde,  wenige beruhigende Erkenntnisse. In mindestens zehn chinesischen Provinzen, in denen man die dort massenhaft gezüchteten Schweine und Schweinefabrikarbeiter auf Influenzaviren hin stichprobenartig seit 2011 untersucht hat, hat sich seit 2013 ein neuer, für Menschen infektiöser Influenzavirus-A-Typ etabliert: G4.

          Auffallend offensiver Alarm

          Ein Zehntel der Arbeiter in Schweinefabriken soll bereits Kontakt zum Virus gehabt haben. Zwischen 2016 und 2019 haben sich insbesondere in den Massentierfarmen viele Menschen mit dieser besonderen Influenza-Variante angesteckt.  Aktuellere Daten aus 2020 werden nicht geliefert. Das zumindest lässt etwas hoffen. Der spezielle Virusstamm, Genotyp G4, war auch schon anderen Wissenschaftlern in den Labors aufgefallen, und auch diese Analysen liegen schon zwei, drei Jahre zurück. Das spricht zumindest dafür, dass offenbar eine ganz unmittelbare Pandemiegefahr noch nicht besteht. Trotzdem alarmieren die chinesischen Experten auffallend offensiv.

          Die Schweinegrippeviren zählen zu den Influenza-A-Viren, die Artengrenzen überspringen und deshalb zu den größten „Problemviren“ zählen.

          Bisher sind weniger als eine Handvoll Infizierte mit neuen, auffälligen Schweinegrippevarianten in China erfasst worden. Die beiden jüngsten Fälle – ein 46jähriger Erwachsene und ein neunjähriges Kind – stammen aus den Jahren 2016 und 2019 und haben sich mit dem G4-Genotypus infiziert. Genau der Typ, dem die Forscher unter einer Handvoll anderer Seuchenkandidaten ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Was ist das Besondere an diesem Erreger? 

          Erst einmal handelt es sich bei ihm wie bei vielen,  immer wieder neu auftauchenden genetische Varianten um eine sogenannte Reassortante aus Schweinen.  Reassortanten sind neue Viren-Mischungen. Schweine sind als idealer „Mischungsbehälter“ für Influenzaviren notorisch bekannt, seit vielen Jahrzehnten. Sie haben viel Kontakt und eine große Nähe zu Menschen, auch zu Vögeln und anderen Tieren, auch und gerade in den chinesischen Provinzen. Gleichzeitig sind die hygienischen Bedingungen in der immer stärker expandierenden Massenhaltung und auch die Verarbeitung geradezu optimal für die schnelle Erregerausbreitung. Zudem stehen uns Schweine genetisch und damit in vielen molekularbiologischen Details so nahe, dass die Viren nicht sehr große molekulargenetische Sprünge machen müssen. Solche Sprünge kommen immer wieder vor: Kleine genetische Sprünge – Mutationen – geschehen praktisch bei jeder Virusvermehrung, wegen der hohen Fehlerrate beim Kopieren des RNA-Genmaterials bei Influenzaviren sogar ausgesprochen häufig (im Unterschied übrigens zu Coronaviren, die eine weniger fehleranfällige Kopiermaschine – RNA-Polymerase – besitzen). Es kommt zu einer Drift der Virusmerkmale.

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