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G4-Virus auf Pandemie-Kurs? : Chinesen warnen vor der Wiederkehr der Schweinegrippe

Diese „Antigendrift“ sorgt dafür, dass jedes Jahr genau hingesehen werden muss, welche Grippevirusstämme kursieren – und dass Impfstoffe erneuert werden müssen. Bei den verschiedenen Reassortanten allerdings, die den chinesischen Forschern in den Schweinefarmen aufgefallen sind, handelt es sich um größere genetische Sprünge: Ganze Genfragmente werden ausgetauscht. Sind die Schweine dazu noch von unterschiedlichen Viren befallen, die sich davor im Menschen angepasst haben, in Geflügel oder eben in Schweinen, können beim Zusammenbau der Virusanteile in den Zellen in kürzester Zeit neue Virenvarianten entstehen,  die dann Genschnipsel von  Menschen, Schweinen und Vögeln gleichzeitig enthalten. Dieses genetische Roulette kann die Gefährlichkeit für Menschen grundsätzlich dramatisch erhöhen. Dann nämlich, wenn quasi die ungünstigsten Eigenschaften unterschiedlicher Influenzaviren zusammengewürfelt werden und damit eine Verwandlung der Virusmerkmale, ein „Antigen-Shift“, beschleunigt wird. Plötzlich ist das Virus molekular so stark umgestaltet, dass es von unseren Immunzellen und Anti-Grippe-Antikörpern nicht mehr neutralisiert werden kann – jedenfalls nicht kurzfristig ohne Impfstoff. So war es auch für die Spanische Grippe 1918 und ebenso für die Asiengrippe 1957 und in den achtziger Jahren die Hongkong-Grippe möglich, zu Pandemieviren zu werden.

Bei dem neuen G4-Influenza-Genotyp handelt es sich um eine besondere Neukombination, die aus dem H1N1-Influenzavirus hervorgegangen ist, das 2009 die Schweinegrippe-Pandemie ausgelöst hatte. Seit dieser Zeit haben sich H1N1-Virenvarianten nicht nur in der menschlichen Populationen etabliert (neben den sehr stark verbreiteten „Nachfahren“ der Hongkonggrippe (H3N2), sondern offenbar auch in den riesigen Schweinepopulationen Chinas. Das zeigen die Daten der chinesischen Veterinäre.  Angereichert ist das H1N1-Viruserbgut vom Genotyp G4 in seinen acht Genen zudem durch weitere, fremde RNA-Sequenzen aus Vogel- und Menschenviren. Über so ähnliche Reassortanten mit Gen-Elementen der H1N1-Schweingerippe, Vogelgrippe und dem in menschlichen Populationen kursierenden „Triple“-Stamm berichteten bereits vor drei Jahren dänische Wissenschaftler. Offenbar haben sich also auch in europäischen Schweinemastbetrieben ähnliche Virenkombinationen etabliert.

Was die chinesische G4-Variante nun besonders problematisch macht, hat sich nun in den Analysen der Schweinemastbetriebe in zehn chinesischen Provinzen und den anschließenden Laborexperimenten gezeigt. Der G4-Genotyp hat dort in Mastschweinen die anderen Virustypen in nur zwei, drei Jahren praktisch völlig zurück gedrängt. 2013 war G4 zum ersten Mal vereinzelt beschrieben worden. Der Virustyp ist infektiöser – und das gilt auch für das Ansteckungspotential für den  Menschen. Im klassischen Tierversuchsmodell, dem Frettchen, überträgt er sich durch direkten Kontakt und durch Tröpfcheninfektion offenbar besser als jede andere Virusvariante. Mehr noch: Die G4-Variante rief bei den Tieren auch deutlich stärkere Grippesymptome hervor. Eine der entscheidenden Bindungsstelle auf dem Virusoberflächenmolekül Hämagglutinin ist  besser an die entsprechende Andockstelle auf Zellen des Menschen angepasst als an Schweine- oder Vogel-Rezeptoren. Entsprechend gut vermehrte es sich bei Zellkulturexperimenten in menschlichen Lungenepithelzellen.   

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