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Palliativmedizin : Wieso hier sterben und nicht dort?

Hessens größte Palliativstation: Blick in ein Patientenzimmer der Palliativstation im Roten Kreuz Krankenhaus in Kassel Bild: dpa

Die Palliativmedizin wächst und verfügt über immer besser werdende Versorgungsstrukturen. Diese werden im medizinischen Alltag aber oft nicht genutzt - warum?

          4 Min.

          Nicht heilen, sondern das Sterben so gut wie möglich gestalten. Eine Aufgabe, der sich die Palliativmedizin mit wachsendem Erfolg stellt. Die Zahl der Palliativstationen hat sich in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Mittlerweile gibt es etwa 230 Krankenhäuser mit Stationen, auf denen Schwerkranke und Sterbende mit einem höchst möglichen Maß an Lebensqualität würdevoll versorgt werden. Ähnliche Entwicklungen verzeichnet man auch in der ambulanten Palliativbetreuung. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sind ihre Ausgaben in der „Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung“ von rund 800 000 Euro im Jahr 2007 auf fast 48 Millionen Euro im Jahr 2010 angestiegen. Doch trotz dieser wachsenden Möglichkeiten sterben nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) nur rund 3,5 Prozent der Menschen auf einer Palliativstation. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass noch immer der größte Anteil der Sterbefälle im Krankenhaus auf Akut- oder Intensivstationen zu finden ist.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Keine Erklärung dafür kann es sein, dass für die meisten dieser Menschen der Tod unerwartet käme. Die Mehrzahl der Menschen stirbt, wie es in der Gesundheitsberichterstattung des Bundes heißt, nämlich an chronischen Erkrankungen des Herzens und der Lunge oder an bösartigen Tumoren, also an langsam fortschreitenden Krankheiten, deren Unheilbarkeit häufig schon früh absehbar ist - zumindest für den behandelnden Arzt.

          Studien zeigen den Nutzen

          Auch an fehlendem Wissen oder mangelndem Erfolg der Palliativmedizin kann es nicht liegen, denn dazu wurden zu viele Studien in den vergangenen Jahren veröffentlicht, die zu anderen Schlüssen veranlassen. So untersuchten amerikanische Wissenschaftler, wie positiv sich eine Palliativbetreuung auf die Lebensqualität von Lungenkrebspatienten auswirkt. Ihre Ergebnisse, die sie 2010 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten, zeigen: Patienten, die frühzeitig neben der üblichen Chemotherapie auch in eine Palliativtherapie eingebunden waren, hatten nicht nur eine bessere Lebensqualität und weniger medizinische Eingriffe, sondern lebten auch fast drei Monate länger als Patienten ohne Palliativversorgung. Ähnlich positive Erkenntnisse gibt es auch für die häufig zu einem frühen Zeitpunkt noch gut planbare Möglichkeit, einen schwerkranken Menschen am Lebensende zu Hause zu versorgen. Forscher der Harvard Medical School in Boston untersuchten vor zwei Jahren, wie sich der Sterbeort auf die Lebensqualität des Sterbenden und auf die Trauerbewältigung der Angehörigen auswirkt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Patienten, die zu Hause versorgt durch einen ambulanten Palliativdienst starben, eine höhere Lebensqualität verspürten als Patienten, die auf einer Intensivstation verstarben. Die Hinterbliebenen, die sich von ihrem Angehörigen zu Hause verabschieden konnten, zeigten seltener psychische Auffälligkeiten nach dessen Tod.

          Warum also werden die Möglichkeiten der Palliativmedizin nicht in höherem Maße genutzt? „Weil wir unter anderem zu wenig Wert auf das Erstellen eines vorausschauenden Versorgungsplans zusammen mit dem Patienten legen“, sagt Christine Schiessl, Palliativmedizinerin an der Uniklinik Köln. Ein solches Konzept - im Sinne des amerikanischen „Advance Care Planning“ -, das im Fall einer erwarteten gesundheitlichen Verschlechterung zum Tragen kommt, braucht aber das offene Gespräch mit dem Patienten. „Davor schrecken viele Mediziner zurück, weil sie es nie gelernt haben oder einfach selbst nicht loslassen können“, sagt Schiessl. „Wenn man sich als Arzt nicht mit dem Tod auseinandergesetzt hat, kann man Menschen in der Sterbephase nicht sinnvoll unterstützen“, erklärt sie, „man greift angesichts des Todes auf das zurück, und tut, was man sicher kann.“ Das bedeutet beispielsweise, dass man noch einmal operiert, auch wenn es keinen Sinn mehr hat, oder dass man den Patienten nochmal röntgt, auch wenn daraus keine Konsequenz gezogen wird. „Das soll kein Vorwurf sein“, betont Schiessl. „Viele der heute praktizierenden Ärzte sind mit den Möglichkeiten der Palliativmedizin nicht vertraut. Die richtige Entscheidungen am Lebensende zu treffen, ist schwer. Das hat viel mit Haltung zu tun.“ Es gehe um eine Haltungsfrage, „die im Medizinstudium lange nicht thematisiert wurde“ und zu einer Sozialisation der jungen Ärzte im Berufsalltag geführt habe, die erschreckend sei.

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