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Palliativmedizin : Nicht nur am Lebensende

  • -Aktualisiert am

Mtglieder der Bundesvertretung der Medizinstudierenden auf dem Krebskongress in Berlin 2012: André Feldmann, Anna Giegerich und Alexandra Scherg, die Bundeskoordinatorin der AG Palliativmedizin (v.l.) Bild: Christina Hucklenbroich

Palliativmedizin lindert nicht nur Schmerzen, sie verlängert auch Leben. Die deutschen Medizinstudenten fordern, dass die Disziplin ein eigenständiges Pflichtfach im Studium bleibt.

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          Der Nationale Krebsplan deckt ein breites Spektrum von Themen ab, darunter Früherkennung, Psychoonkologie und die Qualitätsdebatte. Doch es gibt auch Disziplinen innerhalb der Krebsmedizin, die sich im Plan nicht ausreichend berücksichtigt fühlen. Dazu gehört die Palliativmedizin, jenes Fach, das sich mit der Linderung von Schmerzen und anderen Symptomen wie Atemnot oder Schwäche während schwerer Krankheitsverläufe befasst.

          "Die Psychoonkologie ist im Nationalen Krebsplan massiv vertreten, die Palliativmedizin kaum", kritisierte Friedemann Nauck, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, während des Krebskongresses in Berlin. Trotz vieler Gespräche mit dem Gesundheitsministerium und der Deutschen Krebsgesellschaft sei es nicht gelungen zu erreichen, dass die Palliativmedizin als eigenes Handlungsfeld in den Plan aufgenommen wurde. Dabei sei sie ein wesentlicher Teil der Krebsmedizin: "Zwar betreut die Palliativmedizin nicht ausschließlich Krebspatienten", sagte Nauck. "Aber weit mehr als neunzig Prozent der Erkrankten, die Palliativmediziner begleiten, leiden an Krebs."

          Verlängertes Leben

          Bestärkt in den Bemühungen um ihr Fach wurden die Palliativmediziner in den vergangenen Jahren durch Studien, die den Nutzen von "Palliative Care" für die Patienten belegten. Aufsehen erregt habe vor allem eine Untersuchung der Amerikanerin Jennifer Temel, sagte Florian Lordick vom Städtischen Klinikum Braunschweig. Die Bostoner Medizinerin hatte 2010 im "New England Journal of Medicine" beschrieben, wie sich eine frühe Einbeziehung von Palliativmedizin auf Patienten mit metastasiertem Lungenkarzinom auswirkt. Im Vergleich zu einer Gruppe, die nur die onkologische Standardtherapie erhielt, zeigten die von einem Palliativteam begleiteten Patienten eine bessere Lebensqualität, weniger depressive Symptome und zudem eine signifikant längere Gesamtüberlebenszeit.

          Auch Imke Strohscheer von der Asklepios Klinik Barmbek in Hamburg plädierte für eine frühzeitigere Hinzuziehung der Palliativmedizin. "Einen großen Teil der Tumorschmerzpatienten bekommen wir über die Notaufnahme, das heißt, sie haben schon gewisse ,Schmerzkarrieren' hinter sich", sagte Strohscheer. "Wenn sie es nicht mehr aushalten, gehen sie in die Notaufnahme." Die Ausrichtung der Palliativmedizin erweitert sich derzeit auch auf weitere Felder außerhalb des Themas Schmerz. "Es geht zunehmend um eine psychosoziale Begleitung, zum Beispiel bei der Entscheidungsfindung", sagte Lordick. Eine Krebstherapie sei ein Prozess wiederholter Entscheidungen. Auch deshalb wolle man sich lösen von der Vorstellung, Palliativmedizin gehöre allein in Hospize und sei Patienten kurz vor dem Lebensende vorbehalten.

          Ausbildung über Zusatzbezeichnung

          Zudem ist inzwischen deutlich, dass etwa ein Drittel aller Krebspatienten belastende psychische Störungen zeigt, meist mit einer Angst- oder einer depressiven Symptomatik, wie Monika Keller vom Uniklinikum Heidelberg in Berlin darstellte. Zwar nehme die Zahl an für Palliativmedizin zertifizierten Ärzten zu, sagte Lordick. Spezialisierte "Palliative Care Teams" fehlten aber noch vielerorts. Zentren, die Spezialisten bereithalten, finden sich unter www.wegweiser-hospiz-palliativmedizin.de. Die Spezialisierung zum Palliativmediziner ist nicht über eine Facharztausbildung möglich, nur über eine Zusatzbezeichnung, was vor allem Anästhesisten, Hausärzte, Internisten und Onkologen nutzen.

          Rückendeckung bekommen die Palliativmediziner von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden. Die Studenten setzen sich dafür ein, dass Palliativmedizin ein eigenständiges Fach im Studium bleibt und nicht in der geplanten Änderung der Approbationsordnung mit der Schmerztherapie zusammengelegt wird. In einer Stellungnahme schreiben die Studentenvertreter, dass sie "ethische Fragestellungen, ärztliche Aufgaben in der Sterbebegleitung, kommunikative Aspekte, Selbstreflexion und Supervision" weiterhin im Studium abgebildet sehen wollen. „Die Palliativmedizin ist kein Randbereich, sondern man hat in jedem Bereich der Medizin damit zu tun“, sagt Alexandra Scherg, Studentin im siebten Semester und Bundeskoordinatorin der AG Palliativmedizin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden. „Junge Ärzte brauchen deshalb dringend eine Ausbildung, um mit Schwerkranken und Sterbenden zu arbeiten.“

          Im Krebsplan zumindest soll die Palliativmedizin bald stärker berücksichtigt werden: Perspektivisch wolle man, heißt es beim Bundesgesundheitsministerium, die Themen Palliativmedizin und Rehabilitation in den Plan aufnehmen. Zunächst sei es angesichts des mühsamen Prozesses jedoch wichtig gewesen, die derzeitigen Inhalte auf den Weg zu bringen.

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