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Operieren Orthopäden zuviel? : Es muss nicht gleich das Skalpell sein

  • -Aktualisiert am

Künstliches Hüftgelenk Bild: Franzke, Anja

Standortbestimmung in Berlin: Noch immer erhalten zu wenige Patienten mit Rückenschmerzen eine sanfte Medizin.

          5 Min.

          Die Orthopäden sehen sich dem hartnäckigen Vorwurf ausgesetzt, zu viel zu operieren. Lange Zeit standen vor allem die hohen Versorgungszahlen für Hüfte und Knie in der Kritik, inzwischen ist es die Vielzahl an Wirbelsäulenoperationen. Während die Implantation von Hüft- und Kniegelenken seit fünf Jahren auf hohem Niveau stagniert, haben sich die Wirbelsäulenoperationen in den vergangenen acht Jahren mehr als verdoppelt. Nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion vom vergangenen August wurden im Jahr 2011 insgesamt 734 644 Eingriffe an der Wirbelsäule vorgenommen. Im Jahr 2005 waren es „nur“ 326 962 Operationen. Die Daten aus einem Versorgungsatlas der Krankenkasse AOK malen ein ähnliches Bild.

          Der diesjährige Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin reagiert auf die Vorwürfe mit einem Plädoyer für die konservativen Verfahren. Die Patienten sollten erst dann operiert werden, wenn die Möglichkeiten der Physio- und Schmerztherapie ausgeschöpft seien, sagte Bernd Kladny, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie in Berlin. Mit Kladny steht zum ersten Mal kein operativ tätiger Orthopäde an der Spitze der einflussreichen Fachgesellschaft, sondern der Chefarzt einer Rehabilitationsklinik in Herzogenaurach.

          Alles eine Frage der Bezahlung

          Nach der Zusammenführung von Orthopädie und Unfallchirurgie habe es eine Überbetonung der Chirurgie gegeben, räumt Kladny im Gespräch ein. Für ihn ist der Griff zum Skalpell nur die zweite Wahl. „Wer nur operieren lernt, wird auch nur operieren.“ Daher müsse bei der Weiterbildung zum Facharzt mehr Wissen zu konservativen Behandlungsverfahren vermittelt werden, so Kladny weiter. Ähnlich hat sich Mitte des Jahres auch der Deutsche Ärztetag geäußert. Es wurde beschlossen, die Vermittlung konservativer Verfahren überall dort zu stärken, wo sowohl konservativ behandelt als auch operiert wird. Kladny plädierte zudem für eine angemessene Vergütung konservativer Verfahren. „Wenn die Behandlung eines Patienten langer als drei Monate nicht besser bezahlt wird als ein Haarschnitt“, sagte er, „erschwert dies eine vernünftige konservative Behandlung.“ Außerdem bestehe die Gefahr, dass die Ärzte die Kosten für Medikamente und Physiotherapie wegen der Überziehung ihres Budgets selbst bezahlen müssen.

          Ein Schwerpunkt des diesjährigen Kongresses bildete auch die Versorgung der bis zu 35 000 Schwerverletzten in Deutschland. Dass das Niveau hierzulande recht hoch ist, hat mit den Traumanetzwerken und dem Traumaregister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie zu tun. Das Traumaregister besteht seit zwanzig Jahren. Zum Jahresende werden sich alle an der Schwerverletzten-Versorgung beteiligten Kliniken einem der 39 regionalen Traumanetzwerke angeschlossen haben und ihre Daten an das Traumaregister melden. Damit wird es in Deutschland erstmals eine repräsentative Darstellung der gesamten Schwerverletzten-Versorgung geben.

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