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Operation nach Schlaganfall : Erfolg zu einem hohen Preis

  • -Aktualisiert am

Operieren oder nicht? Eine ethische Frage Bild: dpa

Ein Eingriff nach einem Schlaganfall wirft ethische Fragen auf: Wird das Schädeldach entfernt, um die Hirnschwellung zu behandeln, überleben zwar viele Patienten. Doch sie sind dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen.

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          Schwillt das Hirn nach einem schweren Schlaganfall stark an, besteht höchste Lebensgefahr. Nachhaltig verringern lässt sich diese Bedrohung nur, wenn man das unter Hochdruck stehende Nervengewebe durch eine teilweise Entfernung der Schädeldecke entlastet. Anders als jüngere Schlaganfallopfer zahlen Betroffene höheren Alters für die gewonnene Lebenszeit allerdings einen hohen Preis. Denn sie tragen immer mittelschwere bis schwere Behinderungen davon, sind also dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommen Wissenschaftler um Eric Jüttler und Werner Hacke von der Abteilung für Neurologie der Universitätsklinik in Heidelberg in ihrer jüngsten Studie. Die daran beteiligten 112 Patienten, durchschnittlich siebzig Jahre alte Männer und Frauen mit schlaganfallbedingter Hirnschwellung, waren alle intensivmedizinisch versorgt worden. Insgesamt 49 von ihnen hatte sich darüber hinaus einer Hemikraniektomie, einer halbseitigen Entfernung des Schädeldaches, unterzogen. Die übrigen 63 Personen dienten als Vergleich.

          Wie Studienautoren im „New England Journal of Medicine“ berichten, führte der chirurgische Eingriff zu einem deutlichen Rückgang der tödlichen Komplikationen. So verstarben in diesem Kollektiv 33 Prozent der Patienten an den Folgen des schweren Schlaganfalls und im anderen siebzig Prozent, also mehr als doppelt so viele. Aber auch die Überlebenden ereilte ein hartes Los. Denn lediglich ein Bruchteil von ihnen – und zwar drei in der chirurgisch versorgten und zwei in der anderen Gruppe – kam mit mäßigen Behinderungen davon. Bei allen anderen hinterließ der akute Gefäßverschluss im Gehirn merklich tiefere Spuren. So konnten fünfzehn operierte (32 Prozent) und neun (fünfzehn Prozent) nicht chirurgisch behandelte Patienten noch einige wenige Alltagstätigkeiten alleine bewerkstelligen, während entsprechend jeweils vierzehn (28 Prozent) und acht (dreizehn Prozent) von ihnen bettlägerig und daher rundum pflegebedürftig waren.

          Lebenslange Abhängigkeit

          Die Ergebnisse der vorliegenden Studie werfen wichtige ethische Fragen auf. Kann sich der Betroffene nicht mehr äußern und hat er seinen Willen weder mündlich noch schriftlich kundgetan, obliegt seinen Angehörigen die schwierige Aufgabe, eine Entscheidung zu treffen. Dabei habe sie die Wahl zwischen einem beinahe sicheren Tod einerseits oder einem Überleben zum Preis von lebenslanger Abhängigkeit andererseits. „Gesunde Menschen haben hierzu in der Regel eine klare Meinung“, erklärt Hacke. „Die meisten von ihnen sagen, sie wollten lieber sterben als mit schwersten Behinderungen leben.“ Aus Sicht des Kranken sehe die Situation aber für gewöhnlich ganz anders aus. Er sei immer wieder erstaunt, sagt der Heidelberger Neurologe, wie sehr die Betroffenen vielfach am Leben hängten. „Patienten, die noch bei Bewusstsein sind, wollen häufig, dass wir alles unternehmen, um sie am Leben zu halten.“ Und selbst danach, wenn die ganze Konsequenz ihrer Entscheidung zutage trete, bereuten sie diese nur selten. „Wann das Leben noch lebenswert ist, lässt sich daher, zumal für Gesunde, nicht im Voraus bestimmen und schon gar nicht verallgemeinern.“

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