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Mediziner zu Omikron-Impfstoff : „Die Gefahr, zu viel zu boostern, besteht mit richtigen Abständen nicht“

In Blutproben lassen sich die Antikörper genauer bestimmen. Bild: dpa

Die an die Omikron-Varianten angepassten bivalenten Impfstoffe sind auf dem Markt. Aber sollte sich jeder mit ihnen boostern lassen? Der Labormediziner Harald Renz erklärt, bei wem ein Antikörpertest zuvor sinnvoll ist.

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          Unabhängig von der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) fragen sich viele Menschen derzeit, ob sie sich impfen lassen sollten – auch wenn sie vielleicht nicht zur Risikogruppe gehören. Mit Antikörpertests gibt es die Möglichkeit, den Immunstatus mit einem Bluttest zu überprüfen. Der Mediziner und Direktor des Instituts für Labormedizin des Universitätsklinikums Gießen und Marburg, Harald Renz, erklärt, für wen sich ein Bluttest lohnen könnte.

          Pia Heinemann
          Redakteurin Natur und Wissenschaft

          Herr Renz, viele Menschen sind derzeit unsicher. Eigentlich sind sie zweifach geimpft und geboostert, manche haben sogar eine Infektion durchgemacht. Aber nun kommen die angepassten bivalenten Impfstoffe in die Praxen. Kann man testen, ob man sich die vierte Impfung, also den zweiten Booster, geben lassen soll – oder ob man verzichten kann?

          Bevor ich die Frage beantworte, sollten wir uns erst einmal ansehen, wer wie gut geschützt ist. Der beste Schutz ist derzeit, wenn man eine hybride Immunität hat. Zweimal geimpft und einmal natürlich infiziert, das ist das Optimum, das wir erreichen können.

          Weil man dann nicht nur mit dem Impf-Antigen in Kontakt kam und das Immunsystem also nicht nur das stachelartige Spike-Protein kennengelernt hat?

          Genau. Bei der Immunantwort nach einer Infektion werden viel mehr B-Zell- und T-Zell-Virusepitope erkannt. Die angeborene und die adaptive Infektionsantwort ist damit breiter, als wenn man nur dreifach geimpft ist. Die Hospitalisierungsrate und die Mortalität ist bei dieser Art der Immunisierung nach einer Infektion am geringsten.

          Labormediziner Harald Renz
          Labormediziner Harald Renz : Bild: HR Kittel

          Es gibt noch immer viele Menschen, die dem echten Virus bislang aus dem Weg gehen konnten ...

          Unter diesen sind die hybrid geimpften beziehungsweise hybrid geboosterten am besten geschützt – also die, die einen Mix der verschiedenen Impfstoffe hatten.

          Die Abstände zwischen den Impfungen beziehungsweise zwischen Impfung und Infektion werden als ein wichtiger Faktor beim Aufbau eines Immungedächtnisses betont. Wie groß sollte der Abstand sein?

          Vier bis sechs Monate ist ideal. Es dauert seine Zeit, bis das Immungedächtnis ausreichend aufgebaut wurde. Wird die Körperabwehr in zu schneller Folge aktiviert, schießen zwar die Antikörperkonzentrationen sehr schnell in die Höhe, die Infektion wird dadurch gut bekämpft. Aber das Immunsystem hat nicht genügend Zeit, ein B- und T-Zell-Gedächtnis aufzubauen. Das Ziel der Impfung, ein langer Schutz vor Krankheit und Tod, wird nicht erreicht. Vor lauter Aktivierung stellt sich ein Erschöpfungseffekt des Immunsystems ein.

          Wenn der Abstand passt – der erste Booster also sechs Monate her ist –, sollte man sich dann nun abermals mit den neuen, angepassten Vakzinen impfen lassen?

          Der zweite Booster ist sinnvoll für Menschen mit einer Risiko-Konstellation (Alter, Grunderkrankung). Für an sich gesunde jüngere Menschen ist dies nicht unbedingt erforderlich. Der zweite Booster mit den angepassten Impfstoffen führt zu einem guten Schutz vor schweren Verläufen und senkt möglicherweise auch das Risiko für Long-Covid. Wichtig ist aber zu sagen, dass ein zweiter Booster, nach allem, was bekannt ist, nicht schadet.

          Kann man überboostern?

          Wenn man die Impfabstände einhält, besteht dafür keine Gefahr.

          Das macht die Entscheidung nicht einfacher. Kann ich testen lassen, ob ich einen guten Schutz habe?

          Ja, das ist mittlerweile kein Problem mehr. In einem Routineblutbild, das jeder Hausarzt beim Labor beauftragen kann, können Antikörper gegen das S- und das N-Protein nachgewiesen werden. Hat man viele S-Antikörper, ist man durch die Impfung gut geschützt. Hat man viele N-Antikörper, deutet das auf einen Schutz durch die Infektion hin. Bei der Impfung werden ja nur Antikörper gegen das Spike-Protein, also gegen „S“, gebildet.

          Vor einem Jahr kosteten solche Antikörpertests für Selbstzahler um die 100 Euro…

          Das ist heute zumindest nicht mehr der Fall. Der Nachweis verläuft halb automatisiert oder sogar voll automatisiert in den Laboren, es ist ein absoluter Standard. Viele Hausärzte wissen aber nicht, dass sie diese Tests einfach beauftragen können.

          Für wen ist ein solcher Test sinnvoll?

          Man kann mit einem solchen Test Low Responder, die nach einer Impfung oder Infektion kaum einen Immunschutz aufbauen, erkennen. Bei ihnen sollten die Ärzte dann über ein verändertes Impfschema nachdenken – etwa über hybride Impfungen. Die Gruppe der Low Responder ist relativ groß, dazu gehören viele Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ihr Immunsystem reagiert entweder wegen ihrer Erkrankung oder wegen der Medikamente, die sie einnehmen, nicht gut genug.

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