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Ohne tierische Produkte : Ist vegane Ernährung die perfekte Schlankheitskur?

  • -Aktualisiert am

Vegane Produkte im veganen Supermarkt "Veganz" in Berlin Bild: dpa

Vegane und vegetarische Diäten scheinen anderen Hungerkuren überlegen zu sein - das schreiben zumindest Harvard-Forscher in einer neuen Studie. Deutsche Ernährungsmediziner machen derweil auf die Risiken des Veganismus aufmerksam.

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          Vegetarische Ernährungsformen senken das Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen – soviel ist schon lange bekannt. Ob vegetarische und vegane Diäten auch beim Abspecken besser helfen als herkömmliche Schlankheitskuren mit sämtlichen tierischen Produkten, haben jetzt Mediziner um Jorge Chavarro von der Harvard Chan School of Public Health in Boston untersucht. Dafür sichteten sie die bisher vorliegenden Studien, in denen vegetarische Diäten – aus Gemüse, Milch und Eiern – und vegane Diäten – lediglich aus pflanzlichen Produkten – mit Abspeckkuren verglichen wurden, in denen alle Lebensmittel vertreten waren, auch Fleisch. Chavarro und seine Kollegen fanden zwölf seriöse Studien in den durchsuchten Datenbanken. Insgesamt 1150 Probanden hatten daran teilgenommen, sie waren 18 bis 82 Jahre alt. Zwischen neun Wochen und mehr als einem Jahr dauerten die Diäten. Acht Studien konzentrierten sich auf vegane, vier auf vegetarische Diäten. Die Abspeckkuren wurden mit verschiedenen fleischhaltigen Diäten verglichen, etwa der Atkins-Diät, die auf einer kohlenhydratarmen Kost basiert.

          Mit einer ovo-lacto-vegetarischen Kost – also dem „normalen“ Vegetarismus, bei dem auch Milch und Eier erlaubt sind – nahmen die Probanden effektiver ab als bei einer Ernährung, die Fleisch einschloss, bilanzieren die Forscher um Chavarro. Noch besser schnitten allerdings die veganen Diäten ab: Im Schnitt verloren Probanden mit veganem Essen 2,5 Kilogramm, bei vegetarischer Ernährung nur 1,5 Kilogramm.  

          Mehr als zwei Kilo abgespeckt

          Noch einmal beeindruckender wurde die Bilanz, wenn die Probanden ihren Lebensstil nicht einfach nur umstellten, sondern auch noch eine kalorienreduzierte vegane oder vegetarisch Diät verfolgten. Mit einem solchen Diätplan speckten die vegetarischen und veganen Teilnehmer im Schnitt 2,2 Kilogramm ab.

          Ein Zucchiniröllchen mit Kürbisfüllung - zubereitet von Attila Hildmann, Autor mehrerer veganer Kochbücher
          Ein Zucchiniröllchen mit Kürbisfüllung - zubereitet von Attila Hildmann, Autor mehrerer veganer Kochbücher : Bild: dpa

          Die Harvard-Studie, die im „Journal of General Internal Medicine“ erschien, ist die erste weltweit, die vegane und vegetarische Diäten mit herkömmlichen vergleicht. Die Autoren vermuten, dass der massive Anteil von Vollkornprodukten, Früchten und Gemüse mit hohem Faseranteil dazu führen könnte, dass die Nahrung verzögert über den Darm aufgenommen wird und sich zudem die gesamte Magen-Darm-Passage verlangsamt. Sie halten dies für einen der Mechanismen, die zu dem guten Abspeck-Erfolg beitragen. Die Wissenschaftler räumen aber ein, dass die Anzahl der Studien, die sie auswerten konnten, gering war und dass die Langzeiteffekte der fleischfreien Ernährungsstile auf die Figur auch noch nicht ausreichend untersucht worden sind.

          „Offener fürs Leben“

          Veganes Essen als Diät zu vermarkten, ist keine neue Idee. Der Erfolg vieler veganer Köche und Fitnessexperten beruht auf dem Versprechen, durch die Tierprodukt-freie Kost dünner und attraktiver zu werden. Der deutsche Vegan-Guru Attila Hildmann beispielsweise nennt sein Konzept zwar nicht „Diät“, sondern „Challenge“ – ums Abnehmen geht es trotzdem. Auf Facebook tat sich auf seine Anregung hin eine Gruppe von Freiwilligen zusammen, die beschlossen, einen Monat lang nur nach Hildmanns Rezepten zu kochen – und auf diese Weise ordentlich abzuspecken. Fotos und Geschichten der Teilnehmer des „30-Tage-Challenge“ veröffentlichte Hildmann, der mit seinen Kochbuch-Bestsellern zum Millionär wurde, später als Beiheft in seinem Kochbuch „Vegan for fit“. Irina E. hat demnach in dieser Zeit dreieinhalb Kilogramm verloren, Viktoria G. gar fast acht Kilogramm, Lothar P. etwas mehr als vier. Alle urteilen begeistert über die Erfahrung. Endlich fühle er sich wieder gut in seiner Haut, sagt Thomas G., der sechs Kilo abnahm. „Ich bin emotional stärker und offener fürs Leben“, sagt Sandra N.

          Attila Hildmann bei der Zubereitung von veganem Essen
          Attila Hildmann bei der Zubereitung von veganem Essen : Bild: Picture-Alliance

          Allerdings wagen sich inzwischen auch Wissenschaftler mit Kritik an dem neuen Trend vor. Hans Hauner vom Institut für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar der TU München beispielsweise macht kein Geheimnis daraus, dass er veganer Ernährung kritisch gegenübersteht. Gleich mit drei Artikeln zum Thema Veganismus, einer Fortbildungsserie für Ärzte, ist Hauner in der deutschen Fachzeitschrift "MMW - Fortschritte der Medizin" vertreten. Darin wertet er das bislang durch Studien zugängliche Wissen über die gesundheitlichen Wirkungen rein pflanzlicher Ernährung aus - und verbirgt nicht, dass er sich über das wachsende Interesse daran wundert. Hauner hält den Trend für einen typischen "Medienhype, der durch handfeste wirtschaftliche Interessen befeuert wird". Vor allem aber bemerkt Hauner nach Auswertung aller zur Verfügung stehenden Publikationen, dass die "vegane Welle bisher weitgehend außerhalb der Medizin und Ernährungswissenschaft" stattfindet. Das heißt: Die Studienlage ist extrem dünn.

          Noch im Normbereich

          "Stattdessen stehen viele Fragen im Raum", konstatiert Hauner - vor allem, was die vegane Ernährung bestimmter Gruppen betreffe, etwa von Schwangeren und Kleinkindern. Insgesamt seien für alle Veganer kritische Nährstoffe Vitamin B12, Jod und Vitamin D. Jod beispielsweise kommt in pflanzlichen Lebensmitteln nur in geringen Mengen vor – außer in Algen und Seetang. Diese Produkte als Supplemente zu verwenden, gilt aber als riskant, weil der Gehalt schwankt und manchmal wiederum viel zu hoch ist. Hauner empfiehlt Jodtabletten und Vitamin B12-Supplemente. Vitamin D wird teilweise vom Körper selbst hergestellt, aber ansonsten vorwiegend durch fettreiche Fischsorten zugeführt.

          Hauner räumt allerdings ein, dass die Vitamin-D-Konzentrationen im Blut in bisherigen Studien bei den untersuchten Veganern noch im Normbereich lagen. „Auch wenn die gesundheitlichen Vorteile einer vegetarischen Ernährung unbestritten sind, können bei strikt veganer Kost Sicherheitsbedenken nicht ausgeschlossen werden“, ist Hauners Fazit.

          Einige konkrete Tipps gibt die Ernährungswissenschaftlerin Mariana Eberhard in einem dritten Artikel in „MMW-Fortschritte der Medizin“. Wer auf ausreichende Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren auch ohne Fisch achten wolle, solle beispielsweise Leinöl und Walnüsse konsumieren. Kalzium steckt beispielsweise in Kohlgemüse, mit Kalzium angereicherter Sojamilch und kalziumreichen Mineralwässern. Am wichtigsten sei es, die Vitamin B12-Zufuhr durch Nahrungsergänzungsprodukte sicherzustellen. Zwar könne der Körper Vitamin B12 auch länger speichern. Dennoch solle man die Werte im Blut bestimmen lassen – sicherheitshalber schon nach dem ersten Jahr als Veganer.  

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