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Notfallmedizin : Zeit sparen beim Schlaganfall

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Mit Spezial-Rettungswagen kann die Diagnostik beim Schlaganfall schon auf dem Weg zur Klinik gemacht werden. So lässt sich die Zeit zwischen Notruf und Therapie verkürzen.

          Beim Schlaganfall zählt jede Minute, denn je länger die Blutzufuhr zum Gehirn durch ein Blutgerinnsel unterbrochen wird, desto mehr Nervenzellen sterben ab und desto größer ist der entstandene Hirnschaden. Weil aber nicht jeder Schlaganfall durch einen Gefäßverschluss verursacht wird, sondern einige auch auf eine Hirnblutung zurückgehen, muss die genaue Ursache bekannt sein, bevor mit einer Behandlung begonnen werden kann. Das Blutgerinnsel kann außerdem nur innerhalb der ersten viereinhalb Stunden nach dem Einsetzen der Symptome mit einem Medikament aufgelöst werden. Deshalb muss möglichst schnell zwischen Hirnblutung und Hirninfarkt unterschieden werden, damit das Medikament noch innerhalb der vorgeschriebenen Zeit gegeben werden kann. Für die schnelle Abklärung und die rasche Einleitung der Behandlung wurden in den vergangenen fünfzehn Jahren sogenannte Stroke-Units eingerichtet, die sich auf die Versorgung von Schlaganfällen spezialisiert haben.

          Klaus Faßbender und Silke Walter von der Universitätsklinik des Saarlands in Homburg und ihre Kollegen haben das Konzept jetzt erweitert und eine mobile Stroke-Unit entwickelt, einen speziell ausgerüsteten Rettungswagen, in dem die gesamte Schlaganfall-Diagnostik auf dem Weg in die Klinik gemacht wird. Dadurch kann die Behandlung schneller eingeleitet und rascher über die beste Zuweisung entschieden werden, denn nicht jeder Verdachtsfall ist auch tatsächlich ein Schlaganfall und gehört in eine stationäre Stroke-Unit. Einige Patienten sind in anderen Krankenhäusern besser aufgehoben. „Wir bringen die Klinik zum Patienten“, sagt Faßbender über das Konzept. „Wir machen in der mobilen Stroke-Unit die gleichen Untersuchungen wie im Krankenhaus, nur mit weniger Schnittstellen, weil die gesamte Diagnostik und Therapie in der Hand des spezialisierten Rettungsteams liegt. Dadurch wird die Zeit zwischen dem Eingang des Notrufs und der Therapieentscheidung im Durchschnitt halbiert.“ Die mobile Stroke-Einheit ist mit einem Computertomographen ausgerüstet, mit einem Mini-Labor für die vorgeschriebene Schlaganfall-Diagnostik und einem Telemedizin-System, mit dem die Daten an die Klinik übermittelt werden, die bei Bedarf auch beratend zur Seite steht.

          Frühe Therapieentscheidung

          Faßbender und seine Kollegen konnten in einer klinischen Studie zeigen, dass zwischen dem Absetzen des Notrufs und dem Beginn der Thrombolyse - also dem Auflösen des Blutgerinnsels - durchschnittlich 35 Minuten vergehen, wenn die mobile Stroke-Unit zum Einsatz kommt. Werden die Patienten mit einem konventionellen Rettungswagen abgeholt und beginnt die Diagnostik erst in der Klinik, liegen zwischen Alarm und Behandlungsbeginn durchschnittlich 76 Minuten. Beim Einsatz der mobilen Stroke-Unit stand für 57 Prozent der Patienten schon in der ersten Stunde nach dem Beginn der Symptome fest, wie sie behandelt werden müssen, bei der üblichen Akutbehandlung nur bei vier Prozent. Die Studienergebnisse wurden im Fachmagazin „Lancet Neurology“ veröffentlicht (Bd. 11, S. 397) Keine der im Spezialwagen getroffenen Therapieentscheidungen musste in der Klinik revidiert werden. Die Studie war so konzipiert worden, dass wochenweise entweder die mobile Schlaganfall-Einheit zum Einsatz kam oder der konventionelle Rettungswagen. Wie in der Woche vorzugehen war, entschied das Los. An der Studie nahmen insgesamt hundert Patienten teil. 53 Patienten wurden mit der mobilen Stroke-Unit abgeholt, 47 mit dem konventionellen Rettungswagen. In beiden Gruppen hatte nur die Hälfte tatsächlich einen Schlaganfall.

          Obwohl die Behandlung in der mobilen Stroke-Unit durchschnittlich 41 Minuten schneller einsetzte, ging es den Patienten nach sieben Tagen nicht besser als den Patienten der Vergleichsgruppe. Die Zahl der Todesopfer war beim Einsatz des Spezialwagens sogar höher. In der Gruppe starben fünf Menschen, in der anderen zwei. „Die Studie war zu klein, hatte nicht das entsprechende Design und mit sieben Tagen auch eine zu kurze Beobachtungszeit, um die weiteren Auswirkungen beurteilen zu können“, kommentiert Faßbender das Ergebnis.

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