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Notfallmedizin : Entscheiden wie im Krieg

  • -Aktualisiert am

Schnelle Entscheidungen: Ärzte im Einsatz Bild: REUTERS

Wer schreit, atmet immerhin noch - Bei Einsätzen wie in Madrid müssen Ärzte oft in Sekunden beurteilen, welche Opfer am dringendsten Hilfe brauchen.

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          Am Abend zuvor hatten die Madrider im Zentrum der Stadt noch den Sieg ihres Fußballklubs Real über Bayern München gefeiert. Am nächsten Morgen kreisten dort dann Hubschrauber über dem Chaos. Feuerwehr, Polizei, Sanitäter versuchten, Übersicht zu gewinnen, während Menschen schrien und Rauch noch stundenlang durch die Straßen zog.

          Zweihundert Tote, annähernd tausend Verletzte, lautete die vorläufige Bilanz. Wie können Ärzte und medizinisches Hilfspersonal sich in solchen Momenten überhaupt noch zurechtfinden? Wo können sie Erste Hilfe leisten, wo müssen sie es, und wo ist es dafür schon zu spät? Keine leichte Entscheidung und immer wieder eine Erfahrung, auf die selbst professionelle Helfer schlecht vorbereitet sind.

          Schwerverletzte unbehandelt liegenlassen

          "Es ist nicht selten so, daß sich den eintreffende Notarzt auf den erstbesten Verletzten stürzt und beginnt, zu reanimieren", sagt Michael Langhorst, Mitglied der Leitender Notarztgruppe Hamburg. Was der Notarzt statt dessen tun sollte, klingt banal und ist trotzdem entscheidend: Er muß sich einen Überblick verschaffen und sich die Zeit nehmen, die Opfer nach der Schwere ihrer Verletzung einzuteilen. Er muß bei solchen Katastrophen eine sogenannte "Triage" vornehmen (abgeleitet vom französischen Verb trier, auswählen). Dabei ist die psychische Belastung für den Arzt enorm hoch, schließlich muß er dazu unter Umständen auch Schwerverletzte unbehandelt liegenlassen. "Man muß sich dazu zwingen, den Kopf hochzuheben, sich umzuschauen und zuerst zu sichten", erzählt Langhorst.

          Auch für die Opfer ist die Situation fast unerträglich: Da ist ein Arzt, der sich vielleicht nur sekundenlang um sie kümmert, sie dann einfach liegenläßt und weiterläuft. "Eine der schlimmsten Befürchtungen von Verletzten ist die, in der größten Not allein gelassen zu werden", sagt Frank Lasogga, Psychologieprofessor an der Universität Dortmund und Autor eines Lehrbuchs über Notfallpsychologie. Doch um der Situation Herr zu werden, ist eine Triage absolut notwendig.

          Für jeden Patienten ein bis zwei Minuten Zeit

          In Deutschland (und auch in den Nachbarländern) werden die Verletzten in vier Kategorien eingeteilt. Kategorie I (oder Rot) bedeutet eine akut lebensbedrohliche Verletzung, etwa eine starke Blutung, die Betroffenen atmen oft auch nicht mehr - das dringlichste Zeichen, mit einer Behandlung zu beginnen. Patienten der Kategorie II (Gelb) haben eine schwere Verletzung, zum Beispiel einen gebrochenen Oberschenkelknochen, die der Kategorie III (Grün) eine leichte Verletzung, beispielsweise eine Kopfplatzwunde. Der Kategorie IV (Schwarz) werden Opfer zugeordnet, die nach Einschätzung des Arztes keine Überlebenschance mehr haben. Den Verletzten werden Karten umgehängt, auf denen die jeweilige Farbe allen Helfern die Schwere der Verletzung gut sichtbar zeigt und damit die Dringlichkeit einer Behandlung.

          Eigentlich sollte sich der Notarzt bei einer Triage für jeden Patienten ein bis zwei Minuten Zeit nehmen. Doch je größer die Katastrophe, je mehr Opfer betreut werden müssen, desto weniger Zeit bleibt für die Sichtung. "Bei zwanzig oder dreißig Verletzten kann es schon vorkommen, daß nach dem Motto ,Grün kann laufen, Gelb liegt, ist aber bei Bewußtsein, und Rot ist bewußtlos' gesichtet wird", berichtet Langhorst.

          Erhebliche psychische Belastung

          Die Einteilung durch den Notarzt hat Konsequenzen. Verletzte der Kategorie I müssen als erste behandelt und dann auch in ein Krankenhaus transportiert werden. Verletzte der nachgeordneten Kategorien sind erst später dran. Fehler in der Einschätzung haben mitunter tödliche Folgen. Doch "unter der erheblichen psychischen Belastung" seien sie nicht völlig auszuschließen, sagt Langhorst.

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