https://www.faz.net/-gwz-9bmun

Zukunftslabor Lindau : Mit der Gesundheit, da geht noch was

  • -Aktualisiert am

Titelbilder der F.A.Z.-Beilage „Zukunftslabor Lindau“ Bild: Illustration Nina Hewelt

Am Bodensee treffen 39 Nobelpreisträger auf 600 Jungforscher aus aller Welt. Wo anfangen, fragen sie, wenn die Medizin besser werden soll? Bei den Zivilisationskrankheiten, sagt die WHO. Probiert es mal mit Prävention.

          Mehr als zwei Drittel der 56 Millionen jährlichen Sterbefälle weltweit sind verursacht durch nichtübertragbare chronische Erkrankungen. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, Schlaganfälle, Lungenkrankheiten oder Diabetes. Von diesen 38 Millionen versterben sechzehn Millionen Menschen vorzeitig – nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation im Alter unter 70 Jahren. Die vorzeitigen Todesfälle betreffen überwiegend Bewohner armer Länder. Die Zahl wird bis zum Jahr 2030 weiter ansteigen. Fachleute rechnen dann mit 52 Millionen Sterbefällen bei chronisch Kranken. Dagegen wird die Sterblichkeit aufgrund von Infektionskrankheiten abnehmen.

          Chronische Krankheiten sind zudem häufig Ursache von Behinderung. Wegen der erwarteten Zunahme der Fälle haben die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation ihnen den Kampf angesagt. Gegen den Trend soll die Sterblichkeit aufgrund dieser Leiden bis zum Jahr 2030 um ein Drittel gesenkt werden. Ein ehrgeiziges Ziel, aufgeführt in der Agenda für nachhaltige Entwicklung (Agenda for Sustainable Development), die die Vollversammlung der UN im Jahr 2015 einstimmig verabschiedete. Siebzehn Nachhaltigkeitsziele werden darin formuliert, deren Spektrum vom Kampf gegen Armut und Hunger, über den Erhalt der Umwelt bis zum Stopp des Klimawandels reicht.

          Konkrete Endpunkte

          Um nicht im Allgemeinen zu bleiben und die Anstrengungen nicht ins Leere laufen zu lassen, wurden für jedes der Nachhaltigkeitsziele konkrete Endpunkte ins Auge gefasst, die es bis zum Jahr 2030 zu erreichen gilt. Die Senkung der Sterblichkeit und der Morbidität der chronischen Erkrankungen zählt dazu. Angesichts oft kläglicher Strukturen der Gesundheitsversorgung in wenig entwickelten Ländern ein sehr anspruchsvolles Unterfangen. Es stellt sich die Frage, ob der dazu nötige Aufwand auch finanziert werden kann.

          Öffnen

          Dennoch ist es möglich, die Ziele zu erreichen, folgt man den jüngsten Berechnungen von Gesundheitsexperten und Wirtschaftsfachleuten. Die Resultate räumen mit einer Reihe von Vorurteilen auf. Denn Prävention und Therapie der chronischen Krankheiten verursachen nicht nur Kosten, vielmehr erwarten Experten, dass sich Ausgaben ungeachtet des intrinsischen Wertes für die betroffenen Personen auch wirtschaftlich auszahlen. Und da eine Reihe der von den UN benannten Nachhaltigkeitsziele eng miteinander verbunden sind, könnten sich günstige Effekte addieren. Das gilt etwa im Blick auf die in der Agenda genannten Ziele Bekämpfung der Armut, des Hungers, des Zugangs zu Erziehung und Ausbildung, Angleichung von Lebensverhältnissen und eben Senkung der Sterblichkeit durch chronische Krankheiten.

          Ausgewiesene Gesundheits- und Wirtschaftsexperten haben im Fachjournal „Lancet“ jetzt Ergebnisse von Modellrechnungen publiziert (Bd. 391, S. 2029). In fünf Abschnitten untersuchen sie die ökonomischen Belastungen und Erträge des projektierten Feldzuges gegen chronische Krankheiten. Armut erhöht das Krankheitsrisiko. Umgekehrt gilt aber auch: Gesundheit schafft Wohlstand, und Wohlbefinden steigert die Produktivität.

          Niedriger sozioökonomischer Status und Wahrscheinlichkeit, an einer der chronischen Leiden zu erkranken, sind eng verknüpft. Dies gilt für Länder mit hohem wie mit niedrigem Einkommen. Umgekehrt steigert Krankheit das Armutsrisiko. Von den Ausgaben für Gesundheitsversorgung, die zur Behandlung chronischer Erkrankung notwendig werden, sind Haushalte mit niedrigem Einkommen in besonderer Weise betroffen.

          Hauptziel: Kostenfreie Gesundheitsversorgung

          Kostenfreie medizinische Versorgung gibt es heute nur in wenigen Ländern. Aufwendungen für die Behandlung übersteigen in Regionen ohne freien Zugang zum Gesundheitswesen die Ressourcen der Haushalte mit niedrigem Einkommen. Die Wissenschaftler sprechen von „katastrophischen Gesundheitskosten“. Die betreffen zu sechzig Prozent Personen mit chronischen Erkrankungen und Haushalte aus unteren Einkommensschichten. Daher sei es vorrangig, diese Personengruppen vor den wirtschaftlichen Folgen chronischer Erkrankungen zu schützen. Will man die globale Last an Armut und Krankheit senken, sei es vorrangig, ihnen Zugang zu kostenfreier Gesundheitsversorgung zu verschaffen.

          Weitere Themen

          In der Menge liegt die Wahrheit Video-Seite öffnen

          Vererbungslehre : In der Menge liegt die Wahrheit

          Wie Vererbung geht, lernt man bereits in der Schule. Aber so einfach wie bei Erbsen ist das nur in Ausnahmefällen. Die quantitative Genetik hat in jüngster Zeit Erkenntnisse gewonnen, die alles auf den Kopf stellen. Das wird schon bald praktische Konsequenzen haben.

          Topmeldungen

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.