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Risiko rotes Fleisch : Darmkrebs durch neue Erreger?

  • -Aktualisiert am

Westfälische Dickschädeligkeit bescheinigt sich der Virologe selbst. Doch um seine Kollegen auch diesmal zu überzeugen, muss er noch ein bisschen mehr vorzeigen. Bild: Illustration Isabel Klett

Für seine Entdeckung, dass Viren Krebs auslösen können, erhielt Harald zur Hausen den Nobelpreis. Nun glaubt er, neue Erreger gefunden zu haben, die unter anderem Darmkrebs auslösen können. Was ist dran an dieser These?

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          Bei dieser Vorstellung kann es einem schon kalt den Rücken herrunterlaufen: Jeder Europäer, ob Mann, ob Frau, ob Kind, ist womöglich mit einem rätselhaften neuen Erreger infiziert. Das zumindest wurde vergangene Woche am Deutschen Krebsforschungszentrum, (DKFZ) in Heidelberg verkündet. Kleiner Trost: In den meisten Fällen verhält er sich ruhig. Wenn es das Schicksal aber böse mit einem meint, kann sich der Eindringling mit anderen Kräften verbünden und Krebs im Darm, womöglich sogar in Prostata und Brust auslösen. Was der Nachricht Gewicht verleiht: Sie wird nicht von irgendjemandem vorgebracht – sie stammt aus dem Mund eines deutschen Nobelpreisträgers.

          Harald zur Hausen hat schon einmal Spürsinn für gefährliche Tumorerreger bewiesen. In den 1980er Jahren wurden von ihm die Humanen Papillomaviren, kurz HPV, als Erreger des Gebärmutterhalskrebses überführt. Nun hat der ehemalige DKFZ-Chef den nächsten Coup im Visier. In Heidelberg legte er seine Indizien auf einer Pressekonferenz vor. Sie sollen belegen, dass sogenannte Bovine Meat and Milk Factors, kleine ringförmige DNA-Strukturen, durch den Verzehr von Milch und Rindfleisch übertragen werden; glaubt man Harald zur Hausen, stecken sie mindestens hinter jedem zehnten deutschen Krebsfall.

          82 Jahre ist der Virologe inzwischen alt, das weiße Haar ist dünn geworden, Stimme und Gang haben an Kraft verloren, er trägt das Hemd ohne Schlips und bequeme Lederslipper zum Anzug. Die intellektuelle Schärfe, von der Wegbegleiter berichten, ist aber immer noch zu spüren. Für jedes Gegenargument kommt wie aus der Pistole geschossen die passende Erwiderung. Von einem Verlust an Entschlossenheit keine Spur.

          Bislang stand Gegrilltes und Geräuchertes unter Verdacht

          Was bringt einen wie ihn dazu, sich noch einmal mit der gesamten Medizinforschung anzulegen? Dickdarmkrebs und infektiöse Erreger – das ging bisher nicht zusammen. Nicht nur fahndete man vergeblich nach einem entsprechenden Virus, auch ließ sich das Verbreitungsmuster viel besser durch andere Ursachen erklären. Wer erkrankte und wer nicht, schien bislang eher vom Fleischkonsum abzuhängen. Viele Daten sprachen dafür, dass insbesondere gegrillte und geräucherte Produkte dazu beitragen, das Darmkrebsrisiko zu erhöhen. Weil sich, so vermuteten Epidemiologen, während ihrer Zubereitung Schadstoffe bilden, die gefährliche Mutationen in den Darmwandzellen auslösen können.

          Nobelpreisträger 2008 Harald zur Hausen
          Nobelpreisträger 2008 Harald zur Hausen : Bild: dpa

          Zur Hausen meint, bei genauerem Hinschauen noch ganz andere Muster zu erkennen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und zwölf Monate lang, erzählt seine Ehefrau und Mitstreiterin Ethel-Michele de Villiers, habe ihr Mann damit verbracht, auf den Websites von mongolischen Behörden zu surfen oder indische Gesundheitsdaten auszuwerten. Das Ergebnis wollte in den Augen des Nobelpreisträgers nicht zur gängigen Lehrmeinung passen. So schien sich der Konsum von gegrilltem Hühnchen oder Fisch nicht aufs Tumorrisiko auszuwirken – obwohl sich in ihnen ähnliche Schadstoffe bilden. Die Mongolen wiederum seien Weltmeister im Barbecue, sagt er, und glänzen dennoch mit rekordverdächtig niedrigen Darmkrebsraten. In Indien bleiben die Menschen von diesem Tumor ebenfalls auffallend häufig verschont. Der Virologe ist überzeugt, den Grund dafür gefunden zu haben. In beiden Staaten machen die Menschen um Rindfleisch einen Bogen, die Mongolen bevorzugen zum Beispiel Ziegen, Schafe und Yaks. Und das sind nur einige der epidemiologischen Hinweise, die für zur Hausen darauf hinweisen: Nicht das Fleisch generell ist das Problem, es muss irgendeinen Faktor geben, den nur Rinder in sich tragen. Über den Konsum von Steak und Roulade und wahrscheinlich auch von Milch überträgt er sich dann auf den Menschen.

          Einstweilen steht Harald zur Hausen mit dieser Erklärung ziemlich alleine. „Nobilitis“ nennt Robin Weiss, früher Professor für Virale Onkologie am University College London, das Syndrom, das manchen Nobel-Forscher nach der Preisverleihung in Stockholm zu befallen scheint. „Plötzlich glauben sie, alles zu verstehen, und äußern grandiose Ideen auf Gebieten, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben.“ Zunächst habe er diese Diagnose auch bei Harald (man ist beim Du) erwogen. „Aber eigentlich ist er dafür ein zu rationaler und vorsichtiger Mensch“, sagt der britische Krebs- und Retrovirenexperte. Andere drücken sich weniger zurückhaltend aus, wollen aber nicht namentlich in Erscheinung treten. Es sei unseriös, schimpft ein renommierter deutscher Kollege, wenn jemand spektakuläre wissenschaftliche Neuigkeiten verbreite, ohne die entsprechenden Daten und Fachveröffentlichungen vorweisen zu können. Daran mangelt es in diesem Fall tatsächlich in eklatanter Weise.

          Gegenwind ist er gewohnt

          Für zur Hausen ist die Situation nicht neu, Gegenwind ist er gewohnt. „Er beginnt, dann richtig aufzuleben“, sagt Ethel-Michele de Villiers, die neben ihm in seinem Büro im Krebsforschungszentrum sitzt. Ein Schreibtisch, eingeklemmt zwischen Bücherschrank und Kommode, dazu ein Tisch mit Stühlen für die Gäste – das Zimmer ist weiterhin auf Arbeit ausgerichtet. An den Wänden gönnt sich der Naturfreund ein paar bunte Vogelzeichnungen aus alten Atlanten, als Schmuck dient der goldfarbene Nachbau des Mikroskops vom Nobelpreiskollegen Robert Koch. Die Urkunde aus Stockholm hat ihren Platz im heimischen Tresor gefunden.

          Humane Papillomviren unter dem Mikroskop: Zur Hausen hatte sie entdeckt, sie gelten als Auslöser für Gebärmutterhalskrebs
          Humane Papillomviren unter dem Mikroskop: Zur Hausen hatte sie entdeckt, sie gelten als Auslöser für Gebärmutterhalskrebs : Bild: dpa

          Vor mehr als vierzig Jahren fing die Südafrikanerin de Villiers bei zur Hausen als Doktorandin an. 1975 erlebte sie in Madrid auf einer Konferenz, wie ihr Chef auf offener Bühne lautstark mit einem Kollegen in die Haare geriet. Der Konkurrent hatte behauptet, dass Herpes-Viren für den Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sein – die damals gängige These. Für zur Hausen stand dagegen felsenfest: Auslöser konnte nur das Warzenvirus HPV sein. Er hatte zufällig gelesen, dass aus HPV-Warzen manchmal Krebsgeschwüre entstehen. Eine infektiöse Ursache für den Tumor war ohnehin hochwahrscheinlich. Wie sonst war zu erklären, dass Nonnen fast nie, Prostituierte aber besonders häufig unter Gebärmutterhalskrebs litten. Eine ausführliche Recherche in den Bibliotheken ergab: Auch bei Kaninchen und Rindern kann das Warzenvirus Tumore auslösen. Zur Hausen bewies seine Fähigkeit, versteckte Zusammenhänge zu erkennen. Und war bereit, sich weit aus dem Fenster zu lehnen.

          „Wenn er von etwas überzeugt ist, ist er ein sehr streitbarer Mensch“, beschreibt ihn ein ehemaliger Mitarbeiter, der ebenfalls ungenannt bleiben will: „Außerordentlich fokussiert, engagiert und durchsetzungsfähig.“ Tatsächlich gelang es nach mehreren vergeblichen Versuchen, das Virus in den Warzen aufzustöbern. Dann wurde das Erbgut von noch gefährlicheren Verwandten aus dem Tumor gefischt. Schließlich klärten zur Hausen und seine Kollegen die Details der Krebsentstehung auf und zeigten, dass der Tumor ohne Virusgene nicht überlebensfähig ist. „He was right, I was wrong“, räumte Jahrzehnte später der damalige Kritiker ein. Ein Triumph? „Nein, ich wusste ja, dass ich recht hatte“, sagt der Nobelpreisträger. Zur Feier der Entdeckung machte er immerhin eine Cognacflasche auf.

          Unerschütterliches Selbstvertrauen und westfälische Dickköpfigkeit

          „Damals habe ich einen Horror vor diesem Mann gehabt“, erzählt de Villiers. Täglich machte der Chef im Labor die Runde und fragte Arbeitsfortschritte ab. Kraft seiner Autorität brachte er alle zum Zittern, die keine vorzuweisen hatten. Noch heute, ist zu hören, bittet er die Mitglieder seines kleinen Forschungsteams regelmäßig zum Rapport, auch wenn er selbst keine Pipette mehr in die Hand nimmt. Unerschütterliches Selbstvertrauen und eine – laut Selbstbeschreibung – westfälische Dickköpfigkeit gehören zu seinem Erfolgsgeheimnis. Jetzt fragt sich mancher alte Wegbegleiter: Beginnt sich diese Stärke gegen ihren Träger zu wenden? Hat er die wissenschaftliche Bodenhaftung verloren?

          Schon um die Jahrtausendwende suchte der Nobelpreisträger nach neuen Zielen. Das Fahnden nach weiteren HPV-Tumoren war mehr oder weniger ergebnislos geblieben; weder in Dickdarm-, Brust- noch Prostata-Krebszellen ließen sich entsprechende Viren finden. 2001 spekulierte zur Hausen in der Zeitschrift Lancet darüber, dass von Tieren auf Menschen manchmal weitere unbekannte Krebsviren überspringen. Aufgeschreckt hatte ihn damals die umgekehrte Beobachtung, dass eigentlich harmlose menschliche Viren bei Affen und Nagern Tumore auslösen können. Kaum jemand beachtete ihn damals. Dann nahm zur Hausen zusammen mit seiner Frau ein Zwergvirus namens TTV ins Visier, konnte aber auch ihm nie eine krebserzeugende Wirkung nachweisen. Nach seinen jüngsten Erkenntnissen scheint all das nun zusammenzupassen. Die DNA-Kringel, die er in Milch und Fleisch aufgespürt hat, weisen Ähnlichkeiten zu den TT-Viren auf. Gleichzeitig ist ihr Erbgut aber eng verwandt mit sogenannten Acinetobacter-Bakterien. Zur Hausen und de Villiers schlussfolgerten daraus: Es muss ein ganz neuer Erregertyp sein. Unabhängige Erbgut-Ringe, sogenannte Plasmidome, hätten sich selbständig auf die Reise gemacht und seien nun im Körper fast aller Europäer zu finden Angeblich, so die Vermutung, werden sie schon durch den Genuss von Kuhmilch im Säuglingsalter übertragen.

          Puzzleteil um Puzzleteil hat das Paar zusammengetragen. So konnten sie und ihr Team Plasmidome in der Umgebung von Darmkrebszellen nachweisen, allerdings nicht in derem Inneren. Im Bindegewebe sollen sie sich vermehren und eine Entzündung auslösen. Die aggressive Reaktion der Abwehrzellen führe dann indirekt zu den gefährlichen Darmwand-Mutationen. „Über den Mechanismus der Tumorentstehung bin ich mir mindestens so sicher, wie ich es 1984 beim Gebärmutterhalskrebs war“, sagt Harald zur Hausen; bei Prostata- und Brustkrebs sucht er noch nach Belegen. Er träumt sogar schon von einer Impfung.

          Viele offene Fragen

          Dennoch klaffen große Lücken in der Beweisführung. Warum sollen Plasmidome, wundert sich zum Beispiel Robin Weiss, nur in Rindern, nicht aber bei den verwandten Yaks vorkommen? Während sie den Menschen nur zu gerne infizieren? Warum fand sich bisher keine Spur der Erregerproteine, mit deren Hilfe sie wahrscheinlich in die Zelle eindringen? Bedeutet allein das gemeinsame Auftreten von DNA-Ringen, Mutationen und Abwehrzellen, dass man das Geheimnis des Tumors entschlüsselt hat? Krebsgeschwüre verursachen häufig von sich aus Entzündungen, womöglich lockt das die neuen Erreger an, nicht umgekehrt. Vor allem: Wo bleiben die Daten, die zur Hausens Schlussfolgerungen nachvollziehbar machen?

          Der britische Epidemiologe und Lungenkrebsforscher Austin Bradford Hill hat schon vor mehr als fünf Jahrzehnten Kriterien aufgestellt, die helfen sollen, den kausalen Zusammenhang zwischen einem Tumor und seiner Ursache unumstößlich zu beweisen. Er wollte sich damals gegen die Einwände der Zigarettenindustrie rüsten. Zu Hills Kriterien gehören die konsistente Wiederholbarkeit der Befunde, die Plausibilität des Mechanismus, die Überprüfung in Experimenten und ein verlässliches Zusammentreffen von Krebs und Ursache. Bei manchen davon, sagt Patrick Moore, Direktor des Hillman Cancer Center der Universität Pittsburgh und selbst zweifacher Tumorviren-Entdecker, habe der deutsche Nobelpreisträger noch nachzuliefern: „Aber ich bin klug genug, nicht gegen ihn zu wetten. Er hat schon einmal wilde Ideen in brillante Wissenschaft verwandelt.“Das Wichtigste für einen Forscher sei, sich nicht zu sehr in seine eigenen Hypothesen zu verlieben, sagt Moore. Das kann man durchaus als Mahnung verstehen.

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