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Nobelpreise 2008 : Deutscher gewinnt Medizin-Nobelpreis

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Der deutsche Krebsforscher Harald zur Hausen und die französischen Aidsforscher Francoise Barre-Sinoussi und Luc Montagnier werden mit dem diesjährigen Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie in Stockholm mit.

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          Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den Heidelberger Krebsforscher Harald zur Hausen sowie an die französischen Aidsentdecker Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Zur Hausen erhält eine Hälfte der Ehrung für die Entdeckung der Papillomviren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Dies hat inzwischen zu einem Impfstoff gegen diesen Tumor geführt.

          Zur Hausen habe sich mit seiner Idee, dass Viren Krebs auslösen können, gegen ein geltendes Dogma gewandt, begründete die Nobelstiftung ihre Wahl. Gebärmutterhalskrebs ist weltweit der zweithäufigste Krebs bei Frauen. Der Medizin-Nobelpreis geht erstmals seit 1999, als Günter Blobel ihn gewann, wieder an einen Deutschen.

          Höchste Auszeichnung für Mediziner

          Der deutsche Virologe, der 20 Jahre lang das Heidelberger Krebsforschungszentrum geleitet und zu einer weltweit führenden Einrichtung gemacht hat, wurde von dem Nobelpreis völlig überrascht. „Ich bin nicht darauf vorbereitet. Wir trinken gerade ein Gläschen Sekt“, sagte er der Nachrichtenagentur AP. Er wisse auch noch gar nicht, was er mit dem Preisgeld machen wolle, fügte er hinzu.

          Pionier der Krebsforschung und Wissenschaftsmanager: Harald zur Hausen

          In der Würdigung zur Hausens heißt es, er sei „gegen ein verbreitetes Dogma angegangen“, als er die Bedeutung des Virus für die Entstehung des Gebärmutterhalskrebses erforscht habe. Seine Entdeckung habe nicht nur die Beschreibung des Infektions- und Krankheitsverlaufs, sondern auch die Entwicklung von Impfstoffen gegen eine Ansteckung möglich gemacht, lobte das Karolinska-Institut.

          Die Herstellung des inzwischen verfügbaren Impfstoffes ist allerdings nicht von zur Hausen und seinem Team vorgenommen worden, wie der 72-jährige Forscher bedauernd berichtete. Er habe sich seinerzeit um eine solche Entwicklung bemüht. Das sei aber gescheitert, weil das beteiligte Pharmaunternehmen in einer Marktanalyse keine Chancen für das Produkt gesehen habe. In den Jahren 1983 und 1984 hatten zur Hausen und seine Mitarbeiter die bahnbrechende Entdeckung der Papillomviren gemacht.

          Forschung machte einfachen Infektions-Test möglich

          Die weltweite Last, die den Gesundheitssystemen durch HPV entstehe, sei beträchtlich, unterstrich das Komitee. Fünf Prozent aller Krebserkrankungen gehen auf Menschliche Papillomaviren zurück, an HPV-bedingtem Krebs erkranken jährlich weltweit 500.000 Frauen. Heute kann eine Infektion mit dem Virus durch einen einfachen Test entdeckt werden, außerdem gibt es zwei wirksame Impfstoffe zur Bekämpfung des HPV.

          Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) würdigte zur Hausen am Montag als „außergewöhnlichen Wissenschaftler“. Der Preis sei zugleich eine großartige Auszeichnung für die deutsche Forschung und bestätige die Vorreiterrolle, die die deutsche Krebsforschung international einnehme, sagte Schavan in Berlin. Sie verwies darauf, dass zur Hausen als ehemaliger Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg die Grundlagen für den Aufbau der wichtigen Forschungsinstitution gelegt habe. Zur Hausen war auch viele Jahre Mitglied des Gesundheitsforschungsrates des Bundesforschungsministeriums.

          Zweite Hälfte des Preise geht an Franzosen

          Zur Hausen teilt sich den mit zehn Millionen Kronen (1,02 Millionen Euro) dotierten Preis mit der Direktorin des Pariser Pasteur-Instituts Barre-Sinoussi und deren Kollegen Montagnier, die je ein Viertel des Preisgeldes erhalten. Deren Arbeit sei eine der Grundlagen für das heutige Wissen über Aids und seine Behandlungsformen gewesen, hieß es in der Würdigung des Nobelpreis-Komitees. Anfang der 80er Jahre gelang es ihnen, das HIV-1-Genom zu klonen. Dies erlaubte es, die Reproduktion des Virus und die Art, wie es mit seinem Wirt interagiert, zu verstehen. „Zudem führte ihre Arbeit zur Entdeckung von Diagnosemöglichkeiten bei infizierten Patienten“, erklärte das Komitee weiter. Seit Anfang der 80er Jahre starben 25 Millionen Menschen an Aids, 33 Millionen Menschen leben heute mit der Krankheit.

          Zu Montagniers und Barré-Sinoussis Entdeckung trugen auch die Arbeiten des amerikanischen Forschers Robert Gallo bei, der zweifelsfrei nachwies, dass das HI-Virus tatsächlich die Ursache der Immunschwächekrankheit Aids ist. Die Wissenschaftler stritten mehrere Jahre über die Frage, wer das Virus als erster entdeckte, der Zwist führte sogar zu diplomatischen Verwicklungen zwischen den Regierungen den Vereinigten Staaten und Frankreichs. Das Nobelkomitee erwähnte Gallo am Montag nicht.

          Im vergangenen Jahr wurden die amerikanischen Genetiker Mario Capecchi und Oliver Smithies sowie der Brite Sir Martin Evans ausgezeichnet. Sie hatten eine Technik entwickelt, um Versuchsmäuse mit menschlichen Krankheiten zu schaffen. Die Tiere dienen der Suche nach Therapien gegen Leiden wie Bluthochdruck oder Diabetes.

          Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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