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Neuroleptika : Ein schwerer Schlag für die Nervendämpfer

  • -Aktualisiert am

Einige neuroleptische Präparate Bild: www.medfuehrer.de

Verwirrte Menschen mit starken Psychosen werden oft mit Neuroleptika behandelt. Nun zeigen neue Studien, dass bei solchen Behandlungen die Sterblichkeit der Patienten signifikant ansteigt. In der klinischen Praxis sind Neuroleptika jedoch einstweilen unverzichtbar.

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          Demenzkranke Menschen, die aggressiv werden, an Halluzinationen oder an anderen Psychosen leiden, werden häufig mit Neuroleptika behandelt. Von einer solchen Therapie aber profitieren viele der Kranken nicht. Bei längerer Behandlung kann sie sogar zu einem erheblichen Anstieg der Sterblichkeit führen. Das geht aus einer neuen britischen Studie hervor.

          Die Erkenntnisse des Altersforschers Clive Ballard vom Wolfson King's College in London und seiner Kollegen kommen nicht ganz überraschend. Auch die Beobachtungen anderer Wissenschaftler nähren den Verdacht, dass moderne Neuroleptika den Patienten mit Altersdemenz eher schaden als nützen. Bislang ließ sich die Sicherheit der einschlägigen Therapie allerdings nur bedingt beurteilen, da die meisten Untersuchungen lediglich einen Zeitraum von wenigen Monaten überblicken.

          Signifikant höhere Sterblichkeit

          Um diesem Manko zu begegnen, haben Ballard und die Kollegen den Einfluss einer mehrjährigen Anwendung von Neuroleptika bei 165 Alzheimerkranken mit demenzbedingten Halluzinationen und Aggressivität getestet. Alle Teilnehmer wohnten in einem Pflegeheim und nahmen schon seit längerem Neuroleptika. Bei einem Teil der Demenzkranken führten die Forscher die bestehende Behandlung daraufhin fort, während sie bei den anderen Probanden, in der Vergleichsgruppe, die entsprechenden Tabletten mit Placebopillen austauschten.

          Wie die Autoren in der Zeitschrift "Lancet" (doi:10.1016/S1474-4422(08)70295-3) berichten, waren in der Placebogruppe zwei Jahre später noch 71 Prozent der Patienten am Leben, nach drei Jahren noch 59 Prozent und nach dreieinhalb Jahren weiterhin 53 Prozent. Bei den mit Neuroleptika versorgten Männern und Frauen lag der Anteil an Überlebenden demgegenüber zu allen Zeitpunkten zwischen einem Drittel und der Hälfte niedriger: Am Ende des zweiten Jahres betrug er 46 Prozent, nach Ablauf des dritten Jahres 30 Prozent und ein halbes Jahr später nur noch 26 Prozent.

          Korrelation mit Hirnschlägen

          Weshalb die Anwendung von Neuroleptika möglicherweise so viel häufiger zum Tod führte, geht aus der Studie nicht hervor. Hirnschlag soll nicht gehäuft aufgetreten sein. Der aber wird als Ursache schon einige Zeit diskutiert. Eine ebenfalls aus Großbritannien stammende, epidemiologische Erhebung, die eine Gruppe um Ian Douglas von der London School of Hygiene and Tropical Medicine jetzt veröffentlicht hat, ist der Frage nachgegangen, wie es um die Sicherheit der älteren Neuroleptika im Vergleich zu jener der jüngeren Arzneigeneration - auch atypische Neuroleptika genannt - steht.

          In einer nationalen Datenbank, die Informationen von gut sechs Millionen Krankenversicherten enthält, suchte man nach Personen, die im Vorfeld eines Hirnschlags wenigsten zeitweise Neuroleptika erhalten hatten. Wie die Forscher im "British Medical Journal" (doi:10.1136/bmj.a1227) ausführen, entsprachen rund 7000 Männer und Frauen den von ihnen geforderten Kriterien. In den Analysen zeigte sich, dass die Schlaganfälle mehrheitlich während der Neuroleptikatherapie aufgetreten waren und nur vergleichsweise selten in der behandlungsfreien Zeit.

          Nur bedingt Auswirkungen auf klinische Praxis

          Riskanter als die Anwendung der herkömmlichen Neuroleptika erwies sich dabei die Einnahme der neueren Wirkstoffe. Besonders bedrohlich schienen diese für Demenzpatienten zu sein. Während der Behandlung mit den Antipsychotika erlitten sie dreieinhalb Mal so oft einen Hirnschlag als zu Zeiten ohne diese Mittel. Bei Patienten ohne geistigen Verfall war die Gefahr deutlich geringer, allerdings ebenfalls nicht vernachlässigbar.

          In einer Stellungnahme weisen die Deutschen Gesellschaften für Neurologie und jene für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde auf die Bedeutung dieser Studienergebnisse hin. Dennoch dürften die Erkenntnisse nur bedingt Einfluss auf die klinische Praxis haben. Bei Demenzkranken mit starken Verhaltensstörungen könne man auf Neuroleptika bislang nicht verzichten. Im Einzelfall gelte es abzuwägen, ob man anstelle eines neuen, meist verträglicheren Wirkstoffs ein herkömmliches Mittel verwendet. Auch sollte man die Notwendigkeit der Neuroleptika regelmäßig überprüfen und gegebenenfalls absetzen. Ballard und seine Kollegen weisen in ihrer Studie darauf hin, dass man einige der Symptome mit anderen Medikamenten - etwa Antidepressiva - lindern könne.

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