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Hepatitis C : Gelbsucht heilen, kräftig löhnen

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Es geht um viel Geld

„25 Jahre nach der Entdeckung des Virus überschlagen sich nun die Ereignisse“, sagt auch der Leberexperte Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover, der an Studien einiger Hersteller beteiligt war. Auf Kongressen schwärmen Ärzte von Heilungsraten der HCV-Infektion zwischen 95 und 99 Prozent. Angeblich soll die tägliche Einnahme von Tabletten über zwölf Wochen hinweg reichen. Es sollen sich kaum ernste Nebenwirkungen zeigen. Selbst bei Patienten mit akuter Leberzirrhose werden Heilungsraten von mehr als achtzig Prozent berichtet. Die Krankenkassen sind allerdings noch nicht ganz überzeugt von dem neuen medizinischen Segen. Sie verlangen Beweise. Schließlich geht es um sehr viel Geld. Die Austreibung einer Hepatitis-C-Infektion mit den derzeit wirksamsten Tabletten kann 100.000 Euro und mehr kosten. In Deutschland sind 100 000 Fälle diagnostiziert. Würden alle von ihnen behandelt, schlüge das mit zehn Milliarden Euro zu Buche.

Michael P. Manns ist Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Der Listenpreis von Sofosbuvir, dem Marktführer unter den neuen Medikamenten, liegt in Deutschland derzeit bei 56.576 Euro, hochgerechnet auf eine dreimonatige Therapie. Der Spitzenverband der Krankenkassen will diesen Preis demnächst in Verhandlungen mit dem Hersteller drücken. In dem Tauziehen geht es weniger um raffgierige Pharmafirmen, sondern auch um diffizile Fragen der ethischen Zulässigkeit von Menschenversuchen, wenn zwei Therapiealternativen verglichen werden sollen. Um das Ausmaß des Fortschritts verständlich zu machen, greift der Hepatologe Sarrazin gern zu einer Metapher. Für die fünfzigprozentige Chance der Ausheilung einer HCV-Infektion müssten Leberpatienten bisher „die Treppen eines Hochhauses hinaufrennen“. Man stelle sich nun vor, jemand erfindet den Fahrstuhl. In dieser Situation könne man natürlich verlangen, die Hälfte der Patienten im Rahmen einer klinischen Studie zwanzig Stockwerke zu Fuß bewältigen zu lassen, um Dauer und Begleitsymptome einer herkömmlichen Therapie mit dem Befinden jener Patienten zu vergleichen, die bequem im Fahrstuhl nach oben kommen.

„Im Falle der neuen interferonfreien Therapien war der Ausgang des Experiments allen Experten vollkommen klar“, sagt Sarrazin. Daher durften die Hersteller mit Billigung der Arzneimittelzulassungsbehörden auf bestimmte unethische Versuche verzichten. Es sind diese fehlenden Kontrollgruppen, die nun für Streit sorgen, weil valide Daten von ihnen eben fehlen. Letztlich geht es, wie immer, um die Finanzierung. Aber auch um die Euphorie, die mittlerweile unter Ärzten und Patienten herrscht. Insgesamt wurden bereits 80 000 HCV-Infizierte mit Sofosbuvir behandelt. Der Hersteller Gilead berichtete vergangene Woche, er habe im ersten Halbjahr 2014 allein mit diesem Wirkstoff einen weltweiten Umsatz von 5,7 Milliarden Dollar erwirtschaftet.

Wer übernimmt die hohen Kosten?

Und das ist erst der Anfang. Angesichts der hohen Preise, mit denen der großartige Heilungserfolg erkauft wird, gehen Schockwellen durch alle Gesundheitssysteme. Ägypten zum Beispiel, wo bis zu 22 Prozent der Bevölkerung mit HCV infiziert sind, verhandelt derzeit mit Gilead einen Deal, bei dem 150.000 Leberkranke in einem kritischen Stadium Sofosbuvir für 300 Dollar erhalten sollen – statt für 84.000 Dollar, die sie niemals aufbringen könnten.

Letzteres ist der Preis in den Vereinigen Staaten, wo ein Prozent der Bevölkerung chronisch infiziert ist und sich Politiker ebenfalls über die Preisgestaltung ärgern. Pharmaökonomen wie Hersteller rechnen dagegen vor, die Therapie erspare dem Gesundheitswesen dauerhaft enorme Folgekosten. In Deutschland feilschen der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Krankenkassen und weitere Akteure seit Monaten um die Frage, bei welchen Patienten der Zusatznutzen der neuen Wirkstoffe bereits so sicher belegt ist, dass die Solidargemeinschaft die immensen Kosten schultern sollte.

Die Frage der Zukunft wird lauten: Wer kommt sofort dran? Und wer muss warten, bis die Medikamentenpreise von allein purzeln?

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