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Notfallmedizin : Früherkennung des Sterberisikos

  • -Aktualisiert am

Neue Methoden sollen eine bessere Früherkennung des Sterberisikos ermöglichen. Bild: ZB

Rund die Hälfte aller Herzinfarkte endet tödlich. Aber auch die Überlebenden tragen ein erhöhtes Risiko. Wie groß die Gefahr wirklich ist, lässt sich mit neuen Verfahren und Bioindikatoren genauer als bisher ermitteln.

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          Ein monotoner Puls gilt als schlechtes Zeichen. Denn gesunde Herzen schlagen auch in Ruhe niemals gleichförmig, sondern immer wieder schneller und langsamer. Ausgelöst werden die natürlichen Frequenzsprünge des Herzens, die meist unbemerkt bleiben, von inneren und äußeren Einflüssen. Besonders bedeutsam ist dabei die Atmung: Füllt sich die Lunge mit Luft, verstummt der beruhigende Ast des autonomen Nervensystems, der Vagus, und lässt seinem Gegenspieler namens Sympathikus den Vortritt. Die daraufhin einsetzende Pulsbeschleunigung hält indes nicht lange an. Beim Ausatmen gewinnt der Vagus bereits wieder die Oberhand, was in einer Verlangsamung des Herzschlags zum Ausdruck kommt.

          Bei vielen, zumal schweren Herzkrankheiten gerät das atmungsabhängige „Pingpongspiel“ der beiden Antagonisten - Ärzte sprechen von der respiratorischen Sinusarrhythmie - aus den Fugen, und zwar zu Lasten des Vagus. Dies hat zur Folge, dass das Herz weniger und im Extremfall gar nicht mehr zur Ruhe kommt. Je mehr der Vagus aber an Einfluss verliert und je geringer folglich die Pulsschwankungen zwischen der Ein- und der Ausatmung, desto schlechter sind offenbar die Überlebensaussichten des Betroffenen.

          Das Wissen um diesen Zusammenhang, obgleich schon lange vorhanden, ruhte bislang weitgehend ungenutzt in der Schublade der Mediziner. Zwar fehlte es nicht an Bemühungen, die atmungsabhängigen Pulsschwankungen in mathematische Formeln einzubringen, die das Sterberisiko herzkranker Patienten genauer abbilden. Dahinter steht die Absicht, die Therapie besser auf die Bedürfnisse der Betroffenen zuschneiden zu können. Alle bisher zu diesem Zweck erstellten Algorithmen wurden diesem Ziel aber nicht gerecht. Denn sie lieferten kaum mehr Informationen als die gängigen Untersuchungen, die bei Herzkranken ohnehin zum Einsatz kommen.

          Neue Berechnungsmethode bringt Mehrwert

          Einen echten Mehrwert könnte hingegen eine neue Berechnungsmethode bringen, die Wissenschaftler der Technischen Universität München in einer größeren Studie erprobt haben. Beteiligt waren daran rund 950 Männer und Frauen mit akutem Herzinfarkt, aber noch keiner ausgeprägten Herzschwäche. Eine dreißigminütige Untersuchung, bei der die elektrische Herzaktivität mittels EKG und die Atemfrequenz der Probanden gemessen wurden, reichte zur Erstellung des neuen Risikoparameters mit der Bezeichnung „Expirations-Getriggerte Sinusarrhythmie“: Anders als seine Vorgänger basiert dieser nicht auf dem gesamten Atemzyklus, sondern lediglich auf der Ausatmung - also jenem Abschnitt, in dem der Vagus Oberwasser hat und den Herzschlag beruhigt.

          Wie die Studienautoren um die Kardiologen Georg Schmidt und Daniel Sinnecker vom Klinikum rechts der Isar im „Journal of the American College of Cardiology“ berichten, verfolgten sie das gesundheitliche Schicksal der Infarktkranken rund fünf Jahre lang. Während dieser Zeit verstarben insgesamt 72 Patienten, unter ihnen 33 an einem erneuten Infarkt oder einem anderen Herzkreislaufleiden. Je geringer dabei die Pulsverlangsamung während der Ausatmung war, desto eher kam es zu einem tödlichen Ereignis: So erlagen fünfzehn Prozent der Patienten, deren Herzfrequenz beim Ausatmen kaum oder nicht mehr abnahm, innerhalb von fünf Jahren einem schweren Leiden; bei den Probanden mit erhaltenem Vagus-Einfluss lag der entsprechende Anteil hingegen nur bei drei Prozent, war also nur ein Fünftel so hoch.

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