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Neue Migränemedikamente : Weniger Schmerztage

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Keine Migräne ist wie die andere. Schon deswegen dürfte es den universellen Wirkstoff gegen die Kopfschmerzattacken nie geben. Bild: plainpicture/Barbara Ködel

In Amerika ist ein neues Medikament gegen Migräne zugelassen worden. Gibt es endlich das lang ersehnte Wundermittel gegen starke Kopfschmerzen?

          Am Anfang stand ein einfacher Versuch: Bei 16 Frauen und 6 Männern, die mit Migräne-Kopfschmerzen in ihrer Notfall-Ambulanz auftauchten, entnahmen die Neurologen Lars Edvinsson und Peter Goadsby eine Blutprobe aus der Halsvene. Sollte irgendein Stoff hinter dem rätselhaften Leiden stecken, so hatten sich die Wissenschaftler der Universität Lund in Schweden und des Prince Henry Hospital im australischen Sydney überlegt, müssten sich im Blut während der Attacke doch Spuren von ihm finden. 1990 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse. Sie waren nur auf eine einzige Substanz in verdächtigen Konzentrationen gestoßen, ein rätselhaftes Protein aus 37 Aminosäuren, erst ein paar Jahre zuvor zufällig entdeckt: Calcitonin Gene-Related Peptide, kurz CGRP, hatte man es getauft, aufgrund seiner engen genetischen Verwandtschaft zum Hormon Kalzitonin. Einigen Patienten spritzten Edvinsson und Goadsby kurz darauf das starke Migränemedikament Triptan. Und siehe da, anschließend waren auch die erhöhten CGRP-Spiegel verschwunden.

          Seitdem hat das wirkmächtige Peptid den Medizinern keine Ruhe gelassen. Viele Migräneattacken, so fanden sie bald heraus, wurden durch ansteigende Blut-Konzentrationen im Vorfeld angekündigt. Und spritzte man symptomlosen Kranken den Botenstoff in die Adern, stellten sich oft innerhalb von Stunden die Schmerzen ein – gesunde Menschen reagierten dagegen nur mit leichtem Kopfbrummen.

          Eine fatale Kaskade

          Was CGRP im Gehirn bewirkt, hat man inzwischen herausgefunden. Wird es in den Hirnhäuten ausgeschüttet, löst es vor Ort eine Entzündung aus und macht die Nerven überempfindlich. Gleichzeitig erweitert das Peptid die Blutgefäße, das Pochen der Arterien kann deshalb die Betroffenen die Wände hochtreiben. Auch in der Verarbeitung des Schmerzes auf dem Weg ins Gehirn ist es als Botenstoff beteiligt.

          Vor wenigen Tagen ließ die amerikanische Arzneimittelbehörde das erste Medikament zu, das in diese fatale Schmerzkaskade eingreifen soll. Der Wirkstoff Erenumab blockiert die Bindungsstellen für CGRP und soll so Attacken vorbeugen. Man rechnet damit, dass das Präparat auch in Europa bis Ende des Jahres zur Behandlung freigegeben wird. Und Neurowissenschaftler stellten vergangene Woche schon den nächsten Antikörper vor. Diesmal soll das Immunprotein nicht an den Rezeptor binden, sondern den Botenstoff selbst neutralisieren.

          Die Hoffnungsträger werden sehnsüchtig erwartet: Fast sieben Millionen Deutsche leiden unter Migräne. Dabei erleidet jeder Siebte mehr als 15 Schmerztage im Monat. Bei dreißig Prozent der Patienten versagen die herkömmlichen Medikamente – die Attacke lasse sich nicht in den Griff kriegen, erklärt Uwe Reuter. Er ist Leiter der Kopfschmerzambulanz an der Berliner Charité und verrät: „Für uns gilt es heute schon als erfolgreiche Therapie, wenn sich die Zahl der Kopfschmerztage wenigstens halbiert.“

          Spritze statt Pillen

          Die meisten Mittel, die Attacken präventiv verhindern sollen, wurden ursprünglich für andere Krankheiten wie Bluthochdruck, Epilepsie oder Depression entwickelt. So ist es kein Wunder, dass sie manchmal Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Konzentrationsstörungen mit sich bringen. Entsprechend schlecht ist es um die Therapietreue der Betroffenen bestellt: Nach wenigen Wochen nehmen bis zu dreißig Prozent ihre Tabletten nicht mehr.

          „Vor allem in dieser Hinsicht sind die CGRP-Wirkstoffe ein Quantensprung“, sagt Neurologe Uwe Reuter, der selbst an den Zulassungsstudien mitwirkte. Unter den Probanden, erzählt er, blieben fast alle den neuen Mitteln treu. Wenn jemand über Nebenwirkungen klagte, dann habe es sich meist um Husten, Schnupfen oder Verstopfungen gehandelt. Auch mit der leidigen Pilleneinnahme machen die neuen Medikamente Schluss – eine Spritze, entweder alle vier oder alle zwölf Wochen, genügt.

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