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Neue Methoden der Onkologie : Die Selbstverteidigung gegen den Krebs

  • -Aktualisiert am

Ein T-Lymphozyt (gelb) bindet an eine Prostatakrebszelle Bild: STEVE GSCHMEISSNER/SCIENCE PHOTO

Die Strategie, bösartige Tumoren mit Hilfe des eigenen Immunsystems zu bekämpfen, erweist sich als erfolgversprechend. Doch nicht immer ist klar, was bei der „Krebsimpfung“ im Immunsystem wirklich vor sich geht.

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          Als ein amerikanischer Journalist Helga G. aus Darmstadt im Jahr 1994 fragte, ob sie wüsste, dass sie einer der berühmtesten Fälle der Krebsforschung sei, antwortete sie verlegen, sie habe auf jeden Fall unzählige Male Blut abgeben müssen. Dass der Krebs, an dem sie litt, sie hätte umbringen können, sei ihr nie wirklich in den Sinn gekommen. 1982 erkrankte Helga G. am malignen Melanom, einer besonders aggressiven Form von Hautkrebs. Als die Chirurgen der Mainzer Uniklinik ihr eine Metastase am Eierstock und die befallenen Nebennieren entfernten, glaubte ihr Onkologe Alexander Knuth, dass sie noch ein paar Monate zu leben habe. Er stand an der Tür des OP-Saals und wartete, dass der Chirurg ihm eine Probe des bösartigen Gewebes übergab. Daran wollte er untersuchen, wie Helga G.s Immunsystem sich mit dem Tumor auseinandersetzte. Mit Hilfe dieser Zellen entdeckten er und der belgische Genetiker Thierry Boon Anfang der neunziger Jahre das erste „Tumorantigen“ – und Helga G. wurde in der Wissenschaft berühmt.

          Mit solchen Proteinfragmenten, die auf Krebszellen vorkommen und die das Immunsystem erkennt, wurde es möglich, Krebsimpfstoffe zu entwickeln, die gezielt den Tumor anvisieren. „MAGE-1“ (für „Melanom Antigen 1“), das mit den Zellen von Helga G. ans Licht kam, war das erste Exemplar von mittlerweile Hunderten von Strukturen, die aus pragmatischen Gründen in zwei Gruppen unterteilt wurden. Die meisten, wie MAGE-1, gehören zu den „Shared Antigens“. Sie haben einen entscheidenden Vorteil: Sie kommen auf vielen Tumoren und in vielen verschiedenen Patienten vor.

          Enttäuschende Ergebnisse

          Deshalb wurden sie zu beliebten Kandidaten für die Erprobung von Krebsimpfstoffen. So startete man etwa mit MAGE-3, einem Verwandten von MAGE-1, das in siebzig Prozent der Melanome und 35 Prozent der Lungenkarzinome vorkommt, viele Studien, in denen man versuchte, das Immunsystem gegen die bösartige Markierung zu lenken – doch meistens mit enttäuschenden Ergebnissen. Zuletzt musste das MAGRIT-Projekt, mit 2300 Teilnehmern die größte klinische Studie bei Lungenkarzinom und der größte Krebsimpfversuch überhaupt, im April vergangenen Jahres abgebrochen werden. Die weitverbreiteten Strukturen sind möglicherweise keine optimalen Impfkandidaten, weil sie aus normalen Körperprodukten stammen und auch auf normalen Zellen vorkommen. Alles, was er kennt, hat unser Organismus gelernt zu schonen – um sich vor Autoimmunangriffen zu schützen.

          Es gibt allerdings eine zweite Gruppe von Tumorantigenen, die sich auf keinem normalen Gewebe finden lassen: „Mutationsantigene“ stammen aus defekten Proteinen, die durch Mutationen im Erbgut der entartetenen Zellen produziert werden. Bald nach MAGE-1 entdeckten Forscher die ersten Exemplare. Doch im Gegensatz zu ihren verbreiteten „Shared“-Gegenstücken sind sie Unikate, die man meistens nur auf einem einzigen Tumor findet. Niemand zog damals ernsthaft in Betracht, für jeden Patienten die individuellen Strukturen in mühsamer Arbeit zu identifizieren, während man viele „Shared“-Kandidaten schon in der Hand hatte.

          Mutationen im Erbgut

          Durch die dramatischen Fortschritte der Sequenzierungstechniken wurde es dann aber möglich, Krebsgenome in relativ kurzer Zeit zu entziffern – wodurch sämtliche Mutationen im Erbgut des Tumors ermittelt werden konnten. Dadurch konnten im Jahr 2012 erste Studien ausschließlich mit Computermodellen einige Mutationsantigene bei Mäusen voraussagen. Eine Impfung mit den benannten Antigenen schützte die Tiere kaum vor einem Fortschreiten der Krankheit. Dennoch erschienen die Mutationsantigene plötzlich als realistische Angriffsziele.

          Ein zweiter Durchbruch trug dazu bei, das Konzept auf den Menschen zu übertragen. 2011 wurde das Medikament „Ipilimumab“ in den Vereinigten Staaten und in Europa bei der Behandlung fortgeschrittener Melanome zugelassen. Ipilimumab gehört zur neuartigen Familie der „Checkpoint-Hemmer“, einer Gruppe von Molekülen, die molekulare Bremsen bei Immunzellen aufheben, wobei sich Abwehrreaktionen des Körpers entfalten. Eine internationale Studie im „New England Journal of Medicine“ hatte 2010 gezeigt, dass knapp zwanzig Prozent von Melanom-Patienten im Endstadium fünf Jahre nach Beginn der Behandlung mit dem Medikament überlebten – Statistiken, die sich bis jetzt in Langzeitstudien bestätigen.

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