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Medikamentenreste im Abwasser : Gegen Risiken und Nebenwirkungen

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In runden Nachklärbecken setzt sich der Schlamm ab. Das übrige Wasser fließt danach in die neuartige vierte Reinigungsstufe, zumindest beim Pilotprojekt in Weißenburg. Bild: plainpicture/Stephan Zirwes

In unseren Gewässern schwimmt ein Cocktail aus verschiedenen Medikamentenresten. Die Kläranlagentechnik der Zukunft soll Menschen und Wassertiere davor bewahren.

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          Eigentlich sind Flussbarsche scheue Tiere. Doch Medikamente, die Menschen in dösige Teilnahmslosigkeit versetzen, lassen die Fische zu tollkühnen Einzelkämpfern mutieren. Oxazepam wird zur Beruhigung geschluckt und im Körper von den Nieren abgebaut. Die Überreste des Wirkstoffs werden mit dem Urin ausgeschieden. Sie landen im Abwasser und somit auch bei den Fischen. Die Mengen dieser Spurenstoffe sind winzig, teils kleiner als ein Tausendstel von einem Milligramm – doch sie wirken. Forscher der schwedischen Universität Umeå beschrieben 2013 in „Science“, wie die Konzentration von Oxazepam in Flüssen die Flussbarsche völlig verändert: in der Natur bleiben die Fische am liebsten versteckt oder in der Gruppe, doch enthält das Wasser Spuren vom Beruhigungsmittel, wagen sie sich allein in gefährliche Bereiche vor, halten sich von ihren Artgenossen fern und fressen zu viel.

          Ob Antibiotika, Hormone der Antibabypille oder Röntgenkontrastmittel: In deutschen Gewässern schwimmt ein bunter Cocktail an Arzneiwirkstoffen. Hierzulande werden nach Berechnungen des Umweltbundesamts jährlich rund 30.000 Tonnen Medikamente eingenommen. Für deren Risiken und Nebenwirkungen interessiert sich auch das Umweltbundesamt, denn was Menschen heilt, wird für Wasserbewohner zum Problem. Die Verhaltensänderung der Flussbarsche ist kein Sonderfall. Andere Arzneimittel schädigen Organe der Fische, Hormonrückstände lassen männliche Wassertiere verweiblichen. Rund die Hälfte der mehr als 2300 Medikamentenwirkstoffe in Deutschland gilt als potentiell umweltwirksam.

          Keine gesetzlichen Grenzwerte in Deutschland

          Mit herkömmlichen Reinigungsverfahren können Kläranlagen nur zwanzig Prozent der Spurenstoffe aus dem Abwasser beseitigen, die übrigen Medikamentenreste fließen direkt in die Flüsse – und früher oder später aus dem heimischen Wasserhahn: Wassertests in Nürnberg fanden 2019 besonders hohe Rückstände von Östrogen, Diclofenac und vom Kontrastmittel Gadolinium im Trinkwasser.

          Im mittelfränkischen Weißenburg, rund sechzig Kilometer südlich von Nürnberg, läuft seit rund zwei Jahren eines der ersten deutschen Pilotprojekte dazu, wie Spurenstoffe in Zukunft aus dem Abwasser entfernt werden können. Stellvertretend für den Rest von Bayern wird hier die sogenannte vierte Reinigungsstufe getestet. In Deutschland gibt es bislang keine einheitliche Regelung, wie mit Spurenstoffen im Abwasser umgegangen werden soll, und auch keine gesetzlichen Grenzwerte, an denen sich die Kläranlagenbetreiber zu orientieren hätten. Das ist Ländersache. In Bayern hat das Landesamt für Umwelt mit dem sogenannten Stoffflussmodell zunächst mögliche Problemstellen eingekreist. Vor rund zehn Jahren wurde hier modelliert, wie stark die Gewässer des Freistaats mit Medikamenten belastet sind. Flüsse, die nur schwach fließen, sind besonders betroffen. Dazu zählt die Schwäbische Rezat. In diesen Bach leitet die Kläranlage Weißenburg ihr gereinigtes Wasser. Er plätschert von Weißenburg aus gen Norden, wo er zusammen mit der Fränkischen Rezat die Rednitz speist, einen der Quellflüsse der durch Bamberg fließenden Regnitz. 2015 und 2017 führte die Schwäbische Rezat so wenig Wasser, dass sie zu 80 Prozent aus dem Abwasser der Weißenburger Kläranlage bestand. Gerade in solchen Flüsschen werden die ökotoxikologischen Grenzwerte von Betarezeptorenblockern, Antibiotika oder Östrogen häufig überschritten. Weißenburg wurde deshalb als Versuchsstandort ausgewählt.

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