https://www.faz.net/-gwz-777re

Neue Erkrankung : Coronavirus: Noch fehlen Informationen

  • -Aktualisiert am

Abbildung eines Coronavirus Bild: AP

Der Übertragungsweg des neuen Erregers, der von der arabischen Halbinsel stammt, ist unklar. Infiziert man sich von Mensch zu Mensch - oder etwa über den Verzehr exotischer Tiere?

          3 Min.

          Im vergangenen Jahr ist auf der arabischen Halbinsel ein neues Coronavirus aufgetaucht. Bisher sind dreizehn Infektionen bekannt geworden. Sieben Patienten sind gestorben. Das klinische Bild entspricht dem von Sars, einem schweren Atemnotsyndrom, das ebenfalls durch ein Coronavirus ausgelöst wird. Vor zehn Jahren waren bei einer Pandemie mit dem Sars-Coronavirus 916 Menschen gestorben. Wie gefährlich ist das neue Virus mit dem Namen HCoV-EMC? Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, weil wesentliche Informationen fehlen. Niemand weiß, ob sich die meisten Patienten beim Kontakt mit Tieren angesteckt haben oder durch eine Übertragung von Mensch zu Mensch. Unklar ist auch, ob es viele milde Infektionen gibt, die gar nicht mit dem neuen Coronavirus in Zusammenhang gebracht werden. Von den sechs bisher bekannten humanen Coronaviren lösen vier eine harmlose Erkältung aus. Deshalb ist auch nicht klar, ob der normale Verlauf einer HCoV-EMC-Infektion eher unkompliziert ist oder ob das schwere Atemnotsyndrom das übliche Krankheitsbild ist.

          Die bisher bekannt gewordenen Erkrankungen lassen alle Möglichkeiten offen. Elf Betroffene hatten sich in Saudi-Arabien, Jordanien oder Katar angesteckt, zwei vor wenigen Wochen in England. Die beiden, die sich in England angesteckt haben, waren durch den engen Kontakt mit einem Verwandten krank geworden, der sich bei einer Reise nach Saudi-Arabien und Pakistan infiziert hatte. Es muss also eine Ansteckung von Mensch zu Mensch geben. Die anderen Betroffenen könnten sich auch bei einer gemeinsamen Quelle im mittleren Osten angesteckt haben. Man weiß zum Beispiel, dass sich das Virus im Labor in den Zellen von Fledermäusen und Schweinen vermehrt. Seine engsten Verwandten sind Fledermaus-Coronaviren, so dass es vermutlich von Fledermäusen herrührt - vielleicht über einen Zwischenwirt, der als Fleischmahlzeit verzehrt wird. Bei dem Sars-Coronavirus war das die Schleichkatze, die in China als Delikatesse gilt. Einer der englischen Patienten hatte eine milde Form und erholte sich schnell wieder, der andere starb. Allerdings hatte der verstorbene Patient auch eine ernste Grunderkrankung. Die wenigen epidemiologischen Untersuchungen zeigen, dass sich bisher noch niemand bei der Behandlung und Pflege der Kranken angesteckt hat.

          Hohe Dunkelziffer ist wahrscheinlich

          Christian Drosten vom Institut für Virologie der Universität Bonn ist Spezialist für Coronaviren. Er hat einen diagnostischen Nachweis für das neue Virus entwickelt. Auf die Frage, wie infektiös der Erreger ist, gibt er zwei Antworten - eine aus Sicht des Arztes, die andere aus Sicht des Wissenschaftlers. „Als Arzt“, sagt er „muss man davon ausgehen, dass es eine hohe Dunkelziffer an unkomplizierten Erkrankungen im mittleren Osten gibt. Es wird auch mehr schwere Fälle geben, von denen wir nichts wissen. Aber es scheint keine schlimme Infektion zu sein. Als Wissenschaftler muss man sagen, dass es keine Daten gibt.“ Drosten ärgert sich besonders darüber, dass nicht alle Nukleotidsequenzen der viralen Isolate veröffentlicht worden sind. Bisher können nur die Virus-Sequenzen der ersten beiden Erkrankungsfälle eingesehen werden und eine Teilsequenz des Virus, mit dem sich der im Herbst vergangenen Jahres in Deutschland behandelte Patient aus Katar angesteckt hatte.

          Drosten ist der Ansicht, dass die Sequenzinformationen für die öffentliche Gesundheit relevant sind und nicht aus Kalkül zurückgehalten werden dürfen. Man kann aus den Nukleotidsequenzen ableiten, wie schnell sich das neue Coronavirus durch Mutation verändert. Das Sars-Coronavirus hatte während der Pandemie mehr als dreihundert Mutationen entwickelt. Die Sequenzen zeigen zum Beispiel, ob es verschiedenen Viruslinien gibt oder ob alle Isolate mehr oder weniger identisch sind. Verschiedene Linien sprechen dafür, dass sich jeder Kranke bei einem Tier angesteckt hat. Eine hohe Übereinstimmung spricht für eine Ansteckung von Mensch zu Mensch. Jeweils müsse anders reagiert werden, sagt Drosten. Seien Tiere die Infektionsquelle, müsse die Fleischproduktion unter die Lupe genommen werden. Bei einer Übertragung von Mensch zu Mensch müsse man vielleicht auch eine Reisewarnung aussprechen.

          Jedes zirkulierende Virus kann sich durch Mutationen optimieren, etwa indem es eine bessere Eintrittspforte findet oder in größerer Menge auftritt. Derzeit gelangt das neue Coronavirus über die Lunge in den Körper. Dafür muss es tief in das Organ eindringen. Ein Zutritt über Nase oder Rachen wäre einfacher und würde zu mehr Erkrankungen führen. Eine höhere Viruslast würde die Betroffenen kränker machen. Beide Entwicklungen wären bedenklich. Derzeit scheint das Übertragungsrisiko gering zu sein. Allerdings weiß niemand, ob das so bleibt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Individuelle Mobilität : Ein Lob auf das Auto

          Einst galt das Auto als des Deutschen liebstes Kind, jetzt tut mancher so, als trage es die alleinige Schuld am Weltuntergang. Die überwältigende Mehrheit der Bürger aber will und kann nicht auf das Auto verzichten.
          Kohle-Renaissance in China: Aus den Kühltürmen eines Kohlekraftwerks in Zhangjiakou steigt Wasserdampf auf.

          China, die EU und Amerika : Gegensätzlicher könnte Klimapolitik kaum sein

          Während die Europäer auf Klimaneutralität drängen, erlebt die Kohle in China eine Renaissance. In Amerika macht zumindest eine Entwicklung – etwas – mehr Hoffnung. Unsere Korrespondenten berichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.