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Neue Chance in der Onkologie : Betablocker zur Krebstherapie?

  • -Aktualisiert am

Betablocker sind gängige Herzmittel - hat man ihr Potential unterschätzt? Bild: dpa

Gängige Herzmittel vergrößern überraschenderweise die Überlebenschancen bei Krebs; auch der Mechanismus ist schon aufgeklärt. Aber nicht alle Typen von Betablockern wirken gleich

          3 Min.

          Betablocker, gängige Herzkreislaufmittel, verbessern möglicherweise die Überlebensaussichten von Frauen mit Eierstockkrebs, einem Ovarialkarzinom. Hierfür sprechen zumindest die Beobachtungen von Onkologen des Anderson Cancer Centers in Houston, Texas. Dass die gegen hohen Blutdruck, Herzschwäche und Herzrasen eingesetzten Medikamente vor einem vorzeitigen Krebstod schützen könnten, legen auch die Ergebnisse anderer Studien nahe. Nicht alle einschlägigen Untersuchungen bescheinigen den altbewährten Herzkreislaufmitteln allerdings einen solchen Zusatznutzen – möglicherweise, weil darin nicht zwischen den verschiedenen Arten von Betablockern unterschieden wurde, und zwar den selektiven und den nicht-selektiven: Erstere beeinflussen vornehmlich die Funktion des Herzens, letztere hingegen auch jene anderer Gewebe, etwa der Blutgefäße. Nur die genereller wirkenden, nicht-selektiven Betablocker scheinen lebensverlängernde Effekte zu besitzen, nicht hingegen ihre selektiveren Verwandten. Das schließen Jack Watkins und seine Kollegen jedenfalls aus den Ergebnissen ihrer jüngsten Analyse, der die Gesundheitsdaten von 2415 durchschnittlich 63 Jahre alten Frauen mit Eierstockkrebs zugrunde liegen.

          Wie die Wissenschaftler im Fachjournal „Cancer“ (doi: 10.1002/cncr.29392) berichten, hatten 269 der Patientinnen einen Betablocker erhalten, darunter 193 einen selektiven und 76 einen nicht-selektiven. Berechnet auf das Gesamtkollektiv, lebten die mit Betablockern behandelten Krebspatientinnen nach Diagnosestellung im Mittel noch 48 Monate, die nicht mit solchen Herzmitteln versorgten Frauen hingegen 42 Monate, also etwas kürzer.

          Längere Überlebenszeit

          Aufgeschlüsselt nach der Art des verwendeten Betablockers, ergab sich gleichwohl ein anderes Bild. Denn dabei kam heraus, dass lediglich die Einnahme eines nicht-selektiven Betablockers mit einer längeren Überlebenszeit verbunden war. In dem Fall lag sie bei 95 Monaten und übertraf jene aller anderen Therapiegruppen um mehr als das Doppelte. Ob es sich dabei um einen kausalen Effekt handelte, die nicht-selektiven Betablocker zum längeren Überleben der hiermit behandelten Frauen beitrugen, kann die Studie aufgrund ihres methodischen Konzepts und der geringen Probandenzahl nicht beantworten.

          Wie Christina Annunziata vom Krebsforschungsinstitut der amerikanischen Gesundheitsbehörde und eine Kollegin in einem Editorial anmerken, ist ein solcher ursächlichen Zusammenhang aber wahrscheinlich (doi: 10.1002/cncr.29394). Denn Betablocker unterdrückten einen Signalweg, der im Verdacht steht, die Ausbreitung und Vergrößerung von Eierstockkrebs und anderen Karzinomen – Entartung der innere oder auch äußere Körperoberflächen bedeckenden Zellschichten – zu begünstigen. Worauf die Ärztinnen ansprechen: Die therapeutischen Wirkungen von Betablockern, darunter die Verlangsamung des Pulses und die Senkung des Blutdrucks, beruhen auf einer Hemmung des sogenannten Sympathikus, jenes Asts des vom Willen unabhängigen, autonomen Nervensystems, der bei Stress hochgefahren wird und den Organismus in einen erhöhten Erregungszustand versetzt.

          Stress schwächt die Abwehr

          Laut einer Vielzahl von Beobachtungen fördert eine stressbedingte Aktivierung des Sympathikus aber auch die Aggressivität von bösartigen Tumoren – unter anderem, weil sie zur einer Schwächung der tumorspezifische Immunabwehr führt. Maßgeblich beteiligt an der Vermittlung der Stressreaktionen sind bestimmte Haftstrukturen auf der Zelloberfläche, die sogenannten Betarezeptoren. Stimuliert durch Stresshormone, befinden sich die Betarezeptoren auch auf Krebszellen und sorgen hier offenbar dafür, dass der Tumor wächst, andere Gewebe infiltriert und sich weiter ausbreitet. Nicht alle Betarezeptoren scheinen allerdings solche krebstreibenden Wirkungen zu besitzen, sondern nur ein bestimmter Typus, und zwar die Beta-2-Rezeptoren. Nachhaltig unterdrückt werden diese aber nur von den nicht-selektiven Betablockern. Laut den beiden Kommentatorinnen dürfte dies der Grund sein, weshalb nur die Einnahme von nicht-selektiven Betablockern die Überlebensaussichten von Patientinnen mit Eierstockkrebs besserte und nicht jene der anderen Vertreter dieser Arzneimittelklasse.

          Ob ihre Vermutung zutrifft, lässt sich freilich noch nicht beantworten. Eine Klärung dieser und der anderen offenen Fragen wäre indes von großem Interesse. Denn sowohl Krebs als auch Herzkreislaufleiden betreffen vorwiegend ältere Menschen und treten daher häufig gemeinsam auf. Ein Medikament, das gegen beide Krankheiten wirkt, käme den Betroffenen daher erheblich zugute. Denn mit der Anzahl an zugeführten Arzneimitteln steigt zugleich das Risiko für Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass Betablocker merklich kostengünstiger sind als viele der modernen Krebsmittel und meist auch besser vertragen werden.

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