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Schockbilder : Echt zum Abgewöhnen

  • -Aktualisiert am

An solche Bilder werden wir uns gewöhnen müssen. Auch die, die gar nicht an der Kippe hängen. Bild: Foto EU

Schockierendes auf Zigarettenschachteln soll Rauchern ihr Laster künftig noch madiger machen. Schreckt das wirklich ab? Oder ist das bloß nervige Gängelei?

          Bruno, das HB-Männchen, ist für seine Wutanfälle berühmt. Bis 1974 durfte sich die Werbefigur im deutschen Fernsehen die Haare raufen - im Kino noch zehn Jahre länger. Aus dem Off hieß es dann: „Halt! Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“, und es wurde eine Zigarette gereicht, die Bruno sofort die Gelassenheit zurückgab. Damit suggerierte der Werbeclip, emotional ansprechend und unterhaltsam, es sei gesünder, zu rauchen, als sich aufzuregen.

          Mit solchen Märchen soll nun ein für alle Mal Schluss sein. Stattdessen wird aufgeklärt, und zwar ebenfalls auf eine die Emotionen direkt ansprechende Weise. Allerdings keineswegs spaßig: Um der Zigarette endgültig die Popularität zu rauben, ordnet die Europäische Union nämlich an, Zigarettenschachteln mit unappetitlichen bis verstörenden Bildern zu bedrucken. In Deutschland müssen alle von Ende Mai an produzierten Packungen damit versehen sein: teerverklebte Lungen, Geschwüre am Hals, nekrotische Gliedmaßen. Hinzu kommen Symbolbilder wie etwa das eines Pärchens, das sich im Bett anschweigt. Die Botschaft: Rauchen macht impotent.

          Negative Gefühle mit Zigaretten verknüpfen

          Aber funktioniert das auch? Das fragen sich vielleicht nicht nur all jene, die sich schnell an die bereits üblichen „Rauchen kann tödlich sein“-Texte auf den Kippenschachteln gewöhnt haben. Doch die Schockbilder würden durchaus ihren Zweck erfüllen, erklärt der Psychologe Christoph Kröger vom Institut für Therapieforschung in München. Das Prinzip dahinter nennt sich Gegenkonditionierung. Denn die Tabakindustrie hat im Grunde nichts weiter getan, als den potentiellen Raucher ähnlich einem Pawlowschen Hund darauf abzurichten, beim Anblick einer Zigarette ein gutes Gefühl zu bekommen. Nach dem russischen Verhaltensforscher Iwan Petrowitsch Pawlow wird dieser Mechanismus als klassische Konditionierung bezeichnet.

          Das adäquate Gegenmittel zu den Konditionierungserfolgen jahrzehntelanger Tabakwerbung, nimmt Kröger an, könne daher auch nur eine Bildersprache sein. Und zwar eine, die ebenso emotional wirkt, aber langfristig dafür sorgt, dass sich negative Gefühle mit dem Produkt verknüpfen: Die ursprüngliche Empfindung wird dadurch gelöscht. Gerade in nachfolgenden Generationen, die mit solchen Schockbildern aufwachsen, werde es den Tabakherstellern schwerfallen, das Image der harmlosen Zigarette aufrechtzuerhalten. „Junge Menschen können niemals mehr mit einem ruhigen Gewissen rauchen“, sagt der Therapieforscher.

          Alle sechs Sekunden stirbt jemand an Folgen des Rauchens

          Die Industrie nutzte die Macht der Bilder nicht zuletzt, um jungen Tabakkonsumenten das Initialstadium möglichst attraktiv zu gestalten. Jeder, der schon einmal an einer Zigarette gezogen hat, erinnert sich vielleicht, dass es gar nicht so angenehm ist, mit dem Rauchen anzufangen. Der Qualm kratzt mehr, als dass er schmeckt, und erst nach vielen quälenden Zügen entfaltet das Nikotin seine physiologische Wirkung. Diese sorgt aber dafür, dass die Schreckbilder den eingeschworenen Rauchern den Appetit aufs Quarzen eher weniger verderben. Ihre Sucht sei stärker als die Sorge um die Gesundheit, sagt Kröger.

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