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NCL-Demenz bei Kindern : Eine gefräßige Leere im Kopf

Ablagerungen in den Lyosomen bei NCL-Erkrankung Bild: www.neuropathologyweb.org

NCL ist eine seltene Krankheit von Kindern, aber inzwischen auch eine große Arena für Biomediziner. Gen- und Stammzell-Therapie - nichts bleibt unversucht, um diesem Leiden mit tödlichem Ausgang beizukommen.

          Wo größtmögliches Leid mit höchstmöglicher Hilflosigkeit und einer geradezu bedrückenden Abwesenheit von Forschung zusammentreffen, das ist normalerweise der Ort, an dem über die sogenannten seltenen Erkrankungen gesprochen wird. Fünftausend davon gibt es, die meisten davon Erbkrankheiten. Zusammengenommen sind es mehr als fünf Millionen Kranke. Ist das selten? Alzheimer kennt bald jeder, aber wer weiß von jenen tödlichen Demenzen, die schon die Gehirne von Schulkindern zerstören, die "Neuronalen Ceroid-Lipofuszinosen"? Etwas mehr als vierhundert Kinder im Land leiden an den verschiedenen Formen dieser kurz als NCL bezeichneten Erbkrankheiten, die fast immer zu spät diagnostiziert und lange Zeit auch ohne die geringste Aussicht auf Heilung behandelt wurden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für die Pharmaforschung steckt darin kein lukratives Projekt. Und auch unabhängige Wissenschaftler werden mit großzügigen Forschungsmitteln nur gelockt, wenn Fortschritte an häufigen Leiden, besonders an Volkskrankheiten, winken. Umso bemerkenswerter ist die Entwicklung, die sich nun bei den NCL-Leiden abzeichnet. Es entsteht ein weltweites Netzwerk von Wissenschaftlern, das sich - vornehmlich gestützt aus Privatmitteln wie jenen der NCL-Stiftung in Hamburg - als eine Speerspitze der biomedizinischen Forschung begreift.

          Geballter Einsatz der Biomedizin

          Gentherapie, Roboteranalytik, Stammzellforschung - nichts bleibt unversucht, das Leiden zu lindern. Die Qualen der Kinder setzen Kräfte frei und erhöhen die Risikobereitschaft. Zugleich aber stößt man, wie unlängst ein Treffen führender NCL-Forscher in Hamburg gezeigt hat, mit den immer noch beschränkten Mitteln auf methodische Hürden und mit den auf wenige Patienten begrenzten Experimenten auf eine weiterhin unstillbare Heilungssehnsucht der Eltern. Zahl und Plätze der klinischen Studien sind rar. Und so heißt der Fluchtpunkt nicht selten China. Die Bereitschaft, einer der immer zahlreicheren Internetofferten unbekannter chinesischer "Stammzellexperten" oder Kliniken zu folgen und einen zehntausend Dollar teuren Heilungsversuch in Fernost zu wagen, ist bei den verzweifelt kämpfenden Eltern von NCL-Kindern mit der Vernetzung durch das Internet und den Hoffnung streuenden Fortschritten der Stammzellforschung sukzessive gewachsen.

          Aber sind auch die Heilungschancen gestiegen? Könnte es vielleicht sogar sein, dass sich die geballte Macht der modernen Biomedizin, an die so viele Hoffnungen geknüpft werden, in der seltenen NCL-Krankheit vereinigt und diese damit zum klinischen Kristallisationspunkt für die kühnen Träume der Alzheimer- oder Parkinsonforscher wird? Manches spricht dafür, zumindest in der Theorie. Bei NCL handelt es sich um eine Gruppe von genetisch vergleichsweise überschaubaren Speicherkrankheiten. Jeweils ein Protein oder ein Enzym - je nach Erbdefekt - fehlt in den als Lysosomen bezeichneten Zellorganellen. Dadurch sammeln sich insbesondere in den Nervenzellen - zuerst in den Augen, nach und nach auch im Gehirn - fettähnliche Verbindungen an. Die Schadstoffe, die etwa durch die Energieproduktion kontinuierlich anfallen, können nicht beseitigt werden, die Zelle stirbt ab. Immer tiefer fressen sich die Löcher ins Nervengeflecht.

          Bei der infantilen und spätinfantilen NCL tritt die Erblindung schon vor dem Kindergarten ein. Bei der juvenilen Form verlieren die Kinder im Schulalter, begleitet von schmerzender Spastik und epileptischen Anfällen, ihr Augenlicht, ihre Sprache, Erinnerungen, ihre Bewegungsfähigkeiten und am Ende auch die Möglichkeit, sich zu ernähren und zu atmen.

          Gentherapie im Test

          Mitte der neunziger Jahre hat man die ersten Gendefekte lokalisiert. Und heute, bald zweihundert Jahre nachdem Otto Christian Stengel in Norwegen das Leiden der Kinder erstmals beschrieben hat, gibt es zumindest erste Hoffnungsschimmer. Die meisten davon konzentrieren sich auf den amerikanischen Genmediziner Ronald Crystal vom Weill Cornell Medical College in New York. Er hat auf dem von der deutschen NCL-Stiftung einberufenen Treffen in Hamburg die Aussichten einer zweiten klinischen Gentherapie-Studie skizziert. Im Mai dieses Jahres hatten Crystal und seine Kollegen in der Zeitschrift "Human Gene Therapy" von den Ergebnissen eines vor dreieinhalb Jahren begonnenen Experiments an zehn drei- bis neunjährigen Kindern berichtet. An sechs Stellen des Kopfes wurden jeweils mit winzigen Glaskathetern Hunderte Milliarden Adenoassozierter Viren - sogenannte AAV-Vehikel - in das Gehirn geschleust, die mit ihrer Fracht das defekte Gen in den Nervenzellen ersetzen sollten.

          Obwohl es zuerst vor allem darum ging, die Sicherheit der Therapie zu testen, geht Crystal zufolge "der Trend in die richtige Richtung". Die Genvehikel haben offenbar zahlreiche Zellen rund um die Injektionsstelle erreicht. Einige neurologische Zerstörungen seien bei den Kindern zumindest verlangsamt worden. "Statistisch nicht signifikant zwar", weil klare biochemische Marker fehlen, aber wie Crystal in Hamburg sagte, "gut genug, um in dieser Richtung weiterzumachen". Dazu gehört auch die Suche nach noch effektiveren Genvektoren. Ein solches, ursprünglich aus Rhesusaffen stammendes AAV-Vehikel hat man in seinem New Yorker Labor inzwischen gefunden. Zumindest bei Vorexperimenten an Affen war die Aktivität der damit transplantierten Gene dreimal so stark erhöht wie bisher. Nicht zuletzt scheint der Genvektor damit insbesondere auch die besonders vom Zerfall bedrohten.

          Therapie der Augendefekte

          Zellen im Auge zu erreichen. Das ist die Chance, meint der Biochemiker Frank Stehr von der NCL-Stiftung, kontrollierte Experimente zum Funktionsnachweis der Gentherapie durch den direkten Vergleich an den Augen der Patienten zu beginnen.Nachdem zuletzt zwei ähnlich konzipierte und wenigstens ansatzweise erfolgreiche Gentherapie-Studien bei angeborenen Augenleiden veröffentlicht wurden - vor wenigen Wochen in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften -, könnte die Therapie von NCL-Kindern hier weitere Fortschritte bringen. Crystal jedenfalls, der eine Phase-2-Studie mit bis zu fünfzehn Kindern vorbereitet, zielt auch zum ersten Mal auf eine kausale Therapie der Augendefekte.

          Auch dies freilich bleibt auf absehbare Zeit ein Experiment. Die größte Hürde für wirklich überzeugende Erfolge ergibt sich aus den immer noch gewaltigen Wissenslücken um das Krankheitsgeschehen. An welchen Stellen und wie die mutierten Gene den Abbau der Stoffe in den Zellorganellen verhindern, ob der Austausch der Ionen in den Nervenzellen selbst verhindert ist oder ob, wie Jon Cooper vom King's College in London nahelegte, das „Epizentrum der Zerstörung“ in den signalübertragenden Synapsen zu suchen ist - das alles und vieles mehr liegt noch im Dunkeln. Der Bonner Biochemiker Konrad Sandhoff, der das Hamburger Treffen beobachtete, hält aus diesem Grund auch die Suche nach lindernden Medikamenten derzeit für wesentlich aussichtsreicher als eine an den Ursachen ansetzende Behandlung mittels Gentherapie.

          Behandlung mit Hirnstammzellen

          Und der Zellersatz durch Stammzell-Transplantation? Was das angeht, hat die Biomedizin offenbar noch größere Hürden zu nehmen. Robert Steiner vom Doernbecher Children's Hospital in Portland (Oregon) hat, beginnend vor zwei Jahren, gemeinsam mit Medizinern der Universität von Oregon und der Firma Stem Cells Inc. sechs Kinder behandelt. Den Ein- bis Zwölfjährigen mit infantiler und spätinfantiler NCL wurden je zweimal fötale Hirnstammzellen, die von der kalifornischen Firma erzeugt worden waren, an sechs Stellen in die Hirnrinde und die flüssigkeitsgefüllten Hohlräume - die Ventrikel - gespritzt. Es war weltweit die erste Transplantation von Stammzellen in die Gehirne von Kindern.

          Das Ziel war, die Produktion der bei den NCL-Kindern ausgefallenen Enzyme durch die Einpflanzung und Ausreifung gesunder Zellen wenigstens teilweise zu kompensieren. Im Labor hatten die Spenderzellen offenbar gut zehn bis zwanzig Prozent der gewünschten Enzyme abgegeben, und mitkultivierte Hautzellen hatten diese bereitwillig aufgenommen. Bei den behandelten Kindern, so berichtete Steiner in Hamburg, schreite der Verlust der motorischen Fähigkeiten offenbar unvermindert fort, während die Eltern von einer „Stabilisierung“ der kognitiven Fähigkeiten berichteten. „Die lässt sich allerdings schwer messen“, gab Steiner zu bedenken. Bis Mitte nächsten Jahres werde man das Schicksal der transplantierten Stammzellen ermitteln und die Wirkung der neuen NCL-Therapie veröffentlichen.

          Für betroffene Eltern wie Iris Dyck, deren achtjährige Tochter Clara zuerst bei dem New Yorker Genchirurgen Crystal und später bei Stammzellmedizinern in Peking behandelt wurde, sind solche undurchsichtigen Befunde bisher schwer zu deuten. Die Berliner Komissarin bleibt fest entschlossen, mit ihrer an NCL leidenden Tochter und ihrem Mann in wenigen Tagen zur zweiten Stammzell-Übertragung nach China zu fliegen.

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