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Naturheilkunde : Chinesische Medizin schlägt auf die Leber

  • -Aktualisiert am

Chinesischer Apotheker bereitet Kräutermsichungen Bild: REUTERS

Kräutermischungen aus der traditionellen fernöstlichen Heilkunde haben es gelegentlich in sich. Jetzt gibt es eine Liste mit kritischen Kräuterrezepten.

          3 Min.

          Ein wesentlicher Bestandteil der „Traditionellen Chinesischen Medizin“ ist ihre Kräutertherapie. Magnolien, Pfingstrosen, Chrysanthemen und Gladiolen gehören genauso dazu wie Pilze oder Schlangengifte. Die chinesische Phytotherapie verwendet Tausende von Pflanzen und Pflanzenteilen in unterschiedlichsten Mengen und Mischungen. Sie ist eine Erfahrungsmedizin, deren Wirkung nicht durch klinische Studien belegt worden ist, weil sie nicht das Krankheitsverständnis der westlichen Medizin teilt.

          Die Dosierungen, die in der Traditionellen Chinesischen Medizin - TCM - verwendet werden, sind wesentlich höher als die Konzentrationen, die in der westlichen Phytotherapie benutzt werden. Weil alle Arzneistoffe, auch die pflanzlichen, von der Leber abgebaut werden, können auch fernöstliche Kräutermischungen klinisch relevante Leberschäden hervorrufen.

          Nebenwirkung Gelbsucht

          Rolf Teschke vom Klinikum Hanau und Johannes Schulze vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Frankfurter Universität haben eine Liste mit kritischen Kräutermischungen und Arzneipflanzen aus der fernöstlichen Medizin zusammengestellt. Die Liste basiert auf einer Auswertung der aktuellen internationalen Literatur und beinhaltet auch Zubereitungen, die schon früher mit Leberschäden in Verbindung gebracht worden sind („Alimentary Pharmacology and Therapeutics“).

          Die Tabelle enthält achtzehn definierte Kräutermischungen, einige fragwürdige Mixturen und 39 Einzelkräuter. Die Leberschädigung zeigte sich häufig als Gelbsucht. Die meisten Betroffenen erholten sich schnell wieder. Einige Erkrankungen endeten aber auch tödlich oder waren so schwerwiegend, dass eine Organtransplantation nötig wurde.

          Von schlechter Qualität

          „Leberschäden kommen sehr selten vor“, sagt Teschke. „Insgesamt ist das Risiko bei der TCM zwar sehr gering. Aber wir wissen nicht, ob wir auf die Spitze des Eisbergs schauen oder nicht.“ In der westlichen Welt werden Leberschäden durch fernöstliche Kräutermischungen erst allmählich erfasst. Die chinesische Literatur ist bisher noch nicht systematisch nach dokumentierten Ereignissen durchsucht worden. Das soll jetzt in Zusammenarbeit mit chinesischen Wissenschaftlern nachgeholt werden.

          Die Leberschäden können damit zu tun haben, dass die verwendeten Kräutermischungen von minderwertiger Qualität sind. Bei vielen Berichten über Leberschäden war nicht klar, woher die Kräuter stammten, wo die Mischungen zubereitet worden waren und ob das Material bereits zerschnitten und zerkleinert angeliefert worden war. Schnittware kann leichter verwechselt oder falsch zugeordnet werden als intakte Pflanzen, Wurzeln oder Blüten. Einige Kräutermischungen enthielten auch tierisches Material, etwa Fragmente von Larven, Antilopen, Tausendfüßlern, Schlangen oder Fischen. Teschke hält diese Beimischungen für irreführend, auch wenn sie nur einen sehr geringen Anteil an der gesamten Mixtur ausmachen. „In einer Kräutermischung erwartet man keine tierischen Anteile“, sagt der Hepatologe. „Wir wissen derzeit nicht, ob diese Anteile auch zu Leberschäden führen können oder nicht. Dafür reicht die Datenlage nicht aus, und die chinesische Literatur dazu ist leider auch nicht zugänglich.“

          Die Leber kann durch eine Leberentzündung oder einen Verschluss der Lebervenen geschädigt werden. Pflanzen mit einer kritischen Menge an Pyrrolizidinalkaloiden etwa führen immer zu einem Verschluss der Lebervenen. Deshalb gibt es auch in der TCM ein striktes Verbot für entsprechende Pflanzen. Bei den dokumentierten Erkrankungen mit Verschluss der Lebervenen müssen die chinesischen Kräutermischungen mit pyrrolizidinalkaloidhaltigen Pflanzen verunreinigt gewesen sein. Weltweit gibt es mehr als sechstausend Pflanzenarten mit diesen Alkaloiden.

          Wirkung oft nicht belegt

          Zu den in Deutschland heimischen Arten gehören das Jakobskreuzkraut, das Gemeine Greiskraut und der Natternkopf. Das Greiskraut kann leicht mit Rucola verwechselt werden. Es gibt inzwischen einen Labortest, mit dem die Pyrrolizidin-alkaloide im Blut oder in den Kräutermischungen nachgewiesen werden können, allerdings wird dieser Test noch kaum angewendet.Bei den Leberentzündungen, die durch die normale Dosis eines an sich verträglichen Krauts entstehen, fehlt den Betroffenen oft die richtige Enzymausstattung, um die kritischen Inhaltsstoffe und Abbauprodukte angemessen verwerten und ausscheiden zu können.

          Angesichts der Tatsache, dass die Wirkung vieler fernöstlicher Kräutermischungen nicht belegt ist, halten es Teschke und seine Kollegen für notwendig, Verbraucher darauf hinzuweisen, dass bei der Verwendung der gelisteten fernöstlichen Kräutermischungen und Einzelkräuter, eine Leberschädigung nicht auszuschließen ist. Die Wissenschaftler plädieren auch dafür, dass ein offizielles Internetportal eingerichtet wird, in dem sich die Verbraucher über den aktuellen Stand zur leberschädigenden Wirkung fernöstlicher Kräuter informieren können.

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