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Risiko Geburt : Ein Desaster für den Beckenboden

  • -Aktualisiert am

Eine natürliche Geburt – wie hier nachgestellt – kann bei der Mutter im schlimmsten Fall dauerhafte gesundheitliche Schäden anrichten. Bild: dpa

Nach einer Geburt werden Verletzungen der Schließmuskeln bei der Mutter oft nicht erkannt – mit manchmal schweren Folgen. Kann man bald vorhersagen, welche Frau gefährdet ist?

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          Niemand spricht gern über dieses heikle Thema – und dennoch ist es ein alltägliches, allgegenwärtiges Problem im Kreißsaal: Natürliche Geburten gehen häufig mit Verletzungen des Beckenbodens einher. Nicht weniger als 85 Prozent aller Frauen müssen mit irgendeiner Verletzung ihrer Genitalien, Überdehnung und Abrissen der tragenden Muskeln und Bindegewebsplatten des Beckenbodens oder sogar dem Einreißen der Schließmuskeln des Enddarms rechnen, so beziffert es eine Übersichtsarbeit aus dem vergangenen Jahr.

          Das Spektrum reicht von oberflächlichen Dammrissen etwa an den Schamlippen oder der Scheidenschleimhaut, die häufig unbehandelt wieder abheilen, bis hin zu tiefen Dammrissen, die quer durch den Beckenboden gehen und im schlimmsten Fall auch den Analkanal erreichen.

          Nicht alle Verletzungen sind dauerhaft – einige aber schon

          Als Konsequenz der Geburtstraumata und des geschwächten Beckenbodens können später innere Organe wie die Gebärmutter durch die Scheide nach außen vorfallen, oder die Harnblase beult zum Beispiel die Vaginalwand aus und drückt sich in die Scheide hinein. Weitere Beeinträchtigungen sind Harninkontinenz oder Verlust der Kontrolle über den Darmschließmuskel, was mit unwillkürlichem Abgehen von Winden oder flüssig-schmierigem bis sogar festem Stuhl – einer so genannten Fäkalinkontinenz – einhergeht. Längst nicht alle Verletzungen sind schwerwiegend und zeigen dauerhaft Folgen, einige aber schon.

          Eine MRT-Aufnahme vom Beckenboden einer Patientin nach Spontangeburt. Der rechte Pfeil zeigt die Stelle, an der der Beckenbodenmuskel (Levator ani) abgerissen ist. Links ist der Muskel intakt.

          Schwangere vor einer natürlichen Geburt über deren Risiken beraten zu können wäre wünschenswert, verlässliche Angaben sind jedoch rar. Heiko Franz, Chefarzt einer der deutschlandweit größten Frauenkliniken in Braunschweig, versuchte unlängst in seinem Vortrag auf dem Kongress für Perinatale Medizin in Berlin zu klären, wie häufig und unter welchen Umständen eine natürliche Geburt zum „Desaster für den Beckenboden“ werden könnte.

          In seine Klinik kommen Frauen nicht nur zur Entbindung, sondern auch Jahre später, wenn es gilt, zum Beispiel die Kontinenz wiederherzustellen. Das schärft den Blick dafür, wie groß auf Dauer die Beeinträchtigung für die einzelne Frau sein kann. „Denn gerade dann, wenn zum Beispiel die Schließmuskelfunktion des Darms verlorengegangen ist, gibt es wenig, was man später noch tun kann“, beschreibt Franz das Dilemma.

          Ausmaß der Schäden oft nicht richtig eingeschätzt

          Je nach Studie wird die Rate der Verletzungen der analen Schließmuskulatur bei einer natürlichen Geburt auf 1,5 bis neun Prozent beziffert. Diese Schwankung belegt schon, wie unsicher die Datenlage ist. „Dabei kommt es ganz darauf an, wie geschult das Auge des Betrachters ist“, erläutert Franz. Er verweist auf Untersuchungen aus dem „British Journal of Obstetrics and Gynaecology“, wonach nur 13 Prozent der Hebammen, 73 Prozent der Assistenzärzte, aber 99 Prozent von ausgewiesenen und eigens trainierten Spezialisten Art und Ausmaß der Schäden am Schließmuskel des Darms richtig einschätzen konnten.

          Nimmt man Befunde von Ultraschallsonden, die in den Darm eingeführt werden, hinzu, so zeigt sich außerdem, dass die Häufigkeit der Schließmuskelrisse unterschätzt wird. Bis zu 35 Prozent der Frauen weisen selbst nach unkompliziert verlaufenden Geburten Sphinkterdefekte auf. Sie zu erkennen ist gleichwohl wichtig, schon weil sie ein Gefahrenpotential für die nachfolgenden Geburten aufweisen. So haben Frauen, bei denen der Schließmuskel des Darms bereits bei der ersten Geburt in Mitleidenschaft gezogen wurde, ein elffach höheres Risiko, bei der nächsten natürlichen Geburt fäkalinkontinent zu werden. „Dann sollte eine natürliche Entbindung möglichst vermieden werden“, rät Franz.

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