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Knorpel regeneriert : Das Gelenk aus der Nase

  • -Aktualisiert am

Nasenknorpelzellen lassen sich zuverlässig vermehren. Bild: dpa

Ein neuer Behandlungsansatz gibt Knorpelgeschädigten neue Hoffnung. Knorpelzellen der Patienten werden in Kulturen gezüchtet. Der benötigte Knorpel kommt aus der Nase.

          2 Min.

          Die Selbstheilungskräfte unserer Gelenke sind ausgesprochen begrenzt. Ähnlich einer Narbe dient das nachwachsende Knorpelgewebe vornehmlich als Wundverschluss und Stabilisator. Die komplexen Aufgaben von Gelenkknorpel, der die knöchernen Körperscharniere vor Abrieb schützt, vermag es hingegen nur zum Teil zu übernehmen. Bisher kann die Medizin Patienten mit Knorpelschäden häufig keine zufriedenstellende Therapie anbieten.

          Anlass zur Hoffnung gibt allerdings ein neuer Behandlungsansatz, den Forscher der Universität Basel entwickelt haben. Als Füllstoff verwenden Ivan Martin und sein Team patienteneigene Knorpelzellen - Chondrozyten -, die sie in Kultur züchten. Die Zellen gewinnen sie nicht aus dem defekten Gelenk, wie beim herkömmlichen Vorgehen üblich, sondern aus der Nasenscheidewand. Denn die Nasenknorpelzellen besitzen den Vorteil, dass sie sich unabhängig vom Alter zuverlässig vermehren lassen und bereits in der Zellkultur ein Knorpelgewebe mit den hierfür charakteristischen Proteinen, etwa Kollagen und Glykosaminoglykan, bilden.

          Nasenknorpel als Reperaturgewebe

          Wie Laborexperimente und Studien bei großen Säugetieren gezeigt haben, reagieren auch Nasenknorpelzellen auf Belastung - eine wichtige Voraussetzung, um als Reparaturgewebe für Gelenkschäden in Frage zu kommen. Ein weiterer Vorteil bei der Verwendung von Chondrozyten aus der Nase: Das defekte Gelenk muss nicht noch weiter verletzt werden. Um die Sicherheit und das therapeutische Potential ihrer Methode zu überprüfen, haben die Basler Wissenschaftler diese nun erstmals beim Menschen angewandt.

          Die Probanden ihres Pilotprojekts, insgesamt zehn Männer und Frauen im Alter zwischen 19 und 52 Jahren, hatten sich aufgrund einer Verletzung eine oder mehrere größere Knorpelschäden am Knie zugezogen. Unter örtlicher Betäubung entnahm ein plastischer Chirurg bei jedem Patienten zunächst ein winziges Knorpelstück aus der Nasenscheidewand. Die darin enthaltenen Chondrozyten wurden enzymatisch herausgelöst, in der Kulturschale vermehrt und nach zwei Wochen auf ein Kollagengerüst, das die Bildung des Knorpelgewebes fördert, ausgesät. Zwei Wochen später implantierten die Studienärzte das nunmehr knorpelige Gewebe dann in den Knorpeldefekt am Knie.

          Implantat wächst gut

          Wie der Orthopäde Marcus Mumme und die anderen Autoren im „Lancet“ (doi: 10.1016/S0140-6736(16)31658-0) schreiben, kam das Verfahren den Patienten nachhaltig zugute. So gelang es in den meisten Fällen, die Kniefunktion wiederherzustellen und die Beschwerden zu lindern oder ganz zu beseitigen. Nach einer mehrwöchigen Rehabilitation konnten die Probanden das betroffene Gelenk größtenteils wieder voll belasten und erneut Sport treiben. Nur ein junger Mann musste aufgrund einer Reihe von neuerlichen Sportverletzungen, die dasselbe Knie und darüber hinaus noch weitere Gelenke betrafen, ausgeschlossen werden.

          Wie ein mit dem Kernspin vorgenommener Blick in das behandelte Knie offenbarte, wuchs das Implantat bei allen Probanden gut in die Umgebung ein und wies nach einiger Zeit eine ähnliche Zusammensetzung auf wie der natürliche Gelenkknorpel. Dies konnte bei einer Patientin, die wegen eines weiteren Knorpelschadens am selben Knie erneut operiert werden musste, durch eine Biopsie bestätigt werden.

          Weitere Tests

          Laut den Studienautoren dürfte sich das Implantat daher zu einem funktionell vollwertigen Gelenkknorpel entwickelt haben. „Diese Annahme können wir allerdings noch nicht hinreichend belegen. Denn hierfür müssten wir das implantierte Gewebe noch genauer unter die Lupe nehmen, was ohne erneuten Eingriff nicht geht“, räumt Martin ein. „Unsere Studien bei Ziegen zeigen allerdings, dass die Chondrozyten aus der Nasenscheidewand mit der Zeit die gleiche Struktur annehmen wie die Gelenkknorpelzellen.“

          Während sie am Anfang noch gleichmäßig verteilt seien, ordneten sich die Knorpelzellen mit der Zeit wie erhofft säulenförmig an. In einer größeren Studie, an der unter anderen die Universität Freiburg mitwirkt, testen die Basler Wissenschaftler das Verfahren nun bei einer größeren Zahl von knieverletzten Personen. In Zukunft wollen sie die Methode auch bei Patienten mit Arthrose, der häufigsten Ursache für Schädigungen der Gelenkknorpel, erproben. Gerade solche Betroffenen könnten in besonderem Maße profitieren.

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