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Mutmaßliche Killerkeime : Ein Virus lernt fliegen

  • -Aktualisiert am

Was ist gefährlicher als die bekannte Influenza? Kate Winslet bleibt im Film keine Zeit mehr, um das herauszufinden (Szene aus „Contagion“) Bild: dpa

Vogelgrippe ist tödlich, aber kaum ansteckend. Schweinegrippe hoch infektiös, aber selten letal. Und beides kombiniert? Im Labor soll das gelungen sein.

          Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen“, heißt es in Friedrich Dürrenmatts einschlägigem Drama. Doch auf der Bühne misslingen alle Versuche, die Weltformel zu verbergen - am Ende macht sich die Irrenärztin, die als Einzige wirklich verrückt ist, damit auf und davon, um die Menschheit zu vernichten.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man muss nur „Physik“ durch „Biologie“ ersetzen. Schon hat man ein neues Problem. Was wäre die ultimative Bedrohung? Die perfideste und nicht einmal exotischste aller denkbaren Biowaffen wäre eine Kombination aus Vogel- und Schweinegrippe. Erstere war von Mensch zu Mensch nicht übertragbar, aber tödlich für mehr als die Hälfte jener 570 Opfer, die sich damit seit 2003 beim Kontakt mit Hühnern, Enten oder anderem Federvieh infiziert hatten. Die Schweinegrippe dagegen war derart infektiös, dass sie 2009 eine weltweite Pandemie auslöste. Doch nur einer unter zehntausend Infizierten starb bislang daran.

          Striktes Schweigen

          Was würde passieren, wenn die Vogelgrippe das Fliegen lernt? Also die Fähigkeit, sich über Tröpfcheninfektionen zu verbreiten?

          Das agressive H5N1-Virus infiziert bislang vor allem Vögel. Sein Erbgut besteht aus acht DNA-Fragmenten (blau), auf denen elf Gene Platz finden. Impfstoffe richten sich gegen zwei seiner Oberflächenproteine: das Hämagglutinin (rot) und die Neuroaminidase (gelb)

          Über diese Schreckensvision ist viel spekuliert worden. Bisher gab es stets Entwarnung. In der Natur sei das höchst unwahrscheinlich, im Labor nicht möglich. Noch sei die Wissenschaft nicht so weit. Bis vergangene Woche ein anderer Ton angeschlagen wurde. In einem Laborgebäude des Erasmus Medical Center der Universität von Rotterdam lagere ein von Menschenhand gemachtes Grippevirus, das „die Weltgeschichte verändern könnte, wenn es jemals freigesetzt würde“, hieß es auf der Internetseite von Science. Autor des alarmierenden Artikels war der Korrespondent Martin Enserink, dem niemand gründliche Fachkenntnis absprechen würde.

          Die Arbeitsgruppe, die es angeblich geschafft hat, die schlimmen Eigenschaften des Influenzastammes H5N1 mit dem Ausbreitungspotential seiner restlichen Verwandtschaft zu kombinieren, wird von Ron Fouchier geleitet. Der niederländische Virologe ist ein enger Mitarbeiter und Schüler von Albert Osterhaus, der als Top-Experte auf dem Gebiet der Vogelgrippe gilt. Beide haben sich inzwischen striktes Schweigen auferlegt. Oder es wurde ihnen verordnet.

          Mortalitätsrate angeblich siebzig Prozent

          Was man über den mutmaßlichen Killerkeim weiß, beruht auf einem Vortrag, den Ron Fouchier Mitte September während einer Fachkonferenz der European Scientific Working Group on Influenza auf Malta gehalten hat. Er berichtete dort von Versuchen mit Frettchen. Frettchen sind die domestizierte Haustierform des Iltis; im Labor haben sie sich seit mehr als siebzig Jahren als Tiermodell für die menschliche Grippe bewährt.

          Die niederländischen Forscher wollten im Kern die wichtige Frage klären, welche genetischen Eigenschaften dazu führen würden, dass H5N1 wie andere Influenzastämme auch von Mensch zu Mensch springt. Würde man das wissen, könnte man die Virulenz neu auftretender Varianten vorhersagen, was bislang nicht möglich ist. Als Ausgangspunkt verwendete Fouchier einen Stamm, dem man zunächst drei gezielte Mutationen verpasst hatte. Dieser Eingriff erlaubte es dem Erreger bereits, sich leichter in den oberen Atemwegen von Frettchen zu vermehren. Doch Voraussetzung für eine Ansteckung war immer noch enger Körperkontakt mit Artgenossen.

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