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Muskelschwäche Myasthenie : Neustart bei Autoimmunleiden?

  • -Aktualisiert am

Vor einem „Immunsystem-Reset“ müssen sich Myasthenie-Patienten einer Chemo- und Strahlentherapie unterziehen, die möglichst alle Immunzellen zerstört. Bild: dpa

Die fortschreitende Muskelschwäche Myasthenie ist oft schwer zu packen. Jetzt will man mit Zelltherapien und OPs an mehreren Fronten gegen die entgleiste Abwehr vorgehen.

          Sie ist zwar recht selten, findet in der Fachliteratur aber dennoch erhebliche Beachtung: Die Myasthenie, eine mit Muskelschwäche bis hin zu Lähmungen einhergehende Autoimmunkrankheit. Berechnet auf eine Million Einwohner, betrifft sie europaweit etwa zweihundert Personen aller Altersgruppen, mehrheitlich jedoch junge Frauen. In Deutschland beläuft sich die Gesamtzahl der Erkrankten auf schätzungsweise 16.000.

          Zugrunde liegt dem neuromuskulären Leiden gleichsam ein Missverständnis des Immunsystems. Denn fehlgeleitete Antikörper besetzen und schädigen dabei die muskulären Andockstellen von Acetylcholin, einem wichtigen neuronalen Botenstoff. Vom Gehirn ausgesandte Bewegungsimpulse können in der Folge nur noch schlecht und im Extremfall gar nicht mehr von den Nerven an die Muskeln übermittelt werden. Die Muskeln ermüden daher viel rascher oder stellen ihren Dienst ganz ein.

          Eine Reihe von Beobachtungen zeigt, dass die Häufigkeit der Erkrankung bei der älteren Generation zugenommen hat - weshalb, lässt sich bislang nicht mit Sicherheit sagen. Einen Beitrag dürften hierzu gleichwohl der Anstieg der Lebenserwartung und die Tatsache leisten, dass das Autoimmunleiden mittlerweile mehr Aufmerksamkeit erhält und daher eher erkannt wird.

          Auch heute noch haben allerdings viele Betroffene einen langen Leidensweg hinter sich, bevor die richtige Diagnose gestellt wird. Diese Gefahr besteht insbesondere dann, wenn sich die Myasthenie nicht an das „Drehbuch“ der medizinischen Lehrbücher hält. In dem Fall wird sie nämlich leicht mit anderen neuromuskulären Leiden verwechselt oder, noch häufiger, als psychische oder auch psychosomatische Störung verkannt.

          Entstehung liegt noch im Dunkeln

          Zu den klassischen Symptomen der Myasthenie zählt, neben einer allgemeinen Mattigkeit, eine Muskelschwäche im Bereich der Augen, die sich in herabhängenden Lidern und Doppeltsehen äußert. Zieht das Autoimmunleiden die Gesichts- oder auch Halsmuskeln in Mitleidenschaft, was ebenfalls häufig geschieht, bereiten dem Betroffenen das Halten des Kopfes, das Sprechen, das Kauen und Schlucken oder auch das Atmen teilweise erhebliche Mühe. Darüber hinaus kann die Erkrankung auch auf die Muskeln anderer Körperregionen übergreifen, darunter die Arme und Beine und der Rumpf.

          Wie eine Myasthenie genau entsteht, liegt bislang noch im Dunkeln. „Eine Rolle spielen dabei einerseits genetische Faktoren“, erklärt der Neurologe Andreas Meisel vom Interdisziplinären Myasthenie-Zentrum der Charité in Berlin. „Zwillingsstudien legen den Schluss nahe, dass die Krankheit zu etwa 30 Prozent auf erbliche Anlagen zurückgeht. Noch bedeutsamer sind allerdings Umwelteinflüsse.“

          In Gang gebracht werde das Leiden etwa durch schwere bakterielle Infektionen und große Operationen. Aber auch eine Schwangerschaft und die Einnahme bestimmter Medikamente stünden teilweise in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ausbruch der Erkrankung. Daneben gebe es gleichwohl etliche Patienten, bei denen sich keine Beziehung zu einem auslösenden Faktor herstellen lasse.

          Transplantation körpereigener Blutstammzellen

          Meist gut behandelbar, lässt sich die Myasthenie bei etwa zehn Prozent der Erkrankten nicht zufriedenstellend angehen. So erleiden einige Betroffene trotz intensiver Therapie eine lebensbedrohliche Atemnot und müssen daher künstlich beatmet werden. Aber auch die Medikamente verursachen teilweise schwere Komplikationen oder zeigen nicht die erhoffte Wirkung. In solchen Fällen könnte die Transplantation von körpereigenen Blutstammzellen ein aussichtsreicher therapeutischer Ansatz sein.

          In diese Richtung weisen zumindest die Ergebnisse eines Pilotprojekts von kanadischen Forschern um die Hämatologen Adam Bryant und Harold Atkins von der University of Ottawa. Die an dem Projekt beteiligten Patienten, sechs Frauen und ein Mann im Alter zwischen 24 und 55 Jahren, hatten bereits seit fünf bis elf Jahren an Myasthenie gelitten und auf die herkömmliche Therapie - darunter immunsuppressive Medikamente und Arzneimittel, die den Abbau von Acetylcholin behindern und die Wirkung dieses Botenstoffs somit verlängern - nicht angesprochen.

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