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Multiresistente Bakterien : Dem Keim Paroli bieten

  • -Aktualisiert am

Rund einhundert Wirkstoffe sind zurzeit zugelassen. Aber selbst das Penicillin hat noch nicht ausgedient. Bild: Maximilian von Lachner

Antibiotika sind die schärfsten Waffen gegen Bakterien. Aber langsam werden sie stumpf. Denn immer noch werden sie falsch und vor allem zu lange verschrieben.

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          Nichts hält sich so hartnäckig wie ein Mythos. Zum Beispiel die Behauptung, man müsse ein Antibiotikum mindestens sieben Tage lang nehmen und dürfe es keinesfalls vorher absetzen. Wer sie in die Welt gesetzt hat, lässt sich heute kaum noch ermitteln. Als Hauptverdächtiger gilt der Infektiologe Manson Meads von der Boston University. Der riet vor siebzig Jahren seinen Kollegen, die Medikamente selbst dann noch zwei bis drei Tage weiter zu verordnen, wenn der Patient seine Krankheit längst überwunden hat. Seitdem folgt die Mehrzahl der Mediziner der Regel, kürzer als eine Woche, manchmal sogar vierzehn Tage, dürfe man ein Antibiotikum niemals geben. Nehmen Sie unbedingt ein, bis die gesamte Packung leer ist, schärft man deshalb den Patienten immer noch ein.

          Als Manson Meads damals die entscheidenden Zeilen in der Fachzeitung „New England Journal of Medicine“ schrieb, schien manchen der Sieg über die Infektionskrankheiten schon in greifbarer Nähe. Alexander Fleming hatte mit dem Penicillin kurz zuvor ein Medikament entdeckt, mit dem sich gefährliche bakterielle Krankheiten erstmals wirklich besiegen ließen. Begeistert probierte man mit dem neuen Wundermittel herum und stellte fest: Bereits nach einem Tag war bei vielen Kranken das bedrohliche Fieber verschwunden. Meads wollte jedoch ganz sicher gehen und alle Keime bis auf den letzten ausrotten. Wo keine mehr übrig sind, so dachten bald auch viele Kollegen, können sich auch keine Resistenzen bilden. Auch Rückfälle wären seltener zu befürchten.

          Wenn es so weitergeht, stehen Ärzte bald mit leeren Händen da

          Siebzig Jahre später ist es mit der Euphorie vorbei. Den Ärzten droht der Verlust ihrer wichtigsten Waffe gegen Blutvergiftungen, Lungen- oder Hirnhautentzündungen. Viele Bakterien reagieren nicht mehr auf Antibiotika. In den Vereinigten Staaten wurde vor wenigen Wochen eine Patientin mit einer Blutvergiftung behandelt, bei der sogar 26 verschiedene Substanzen nicht mehr wirkten. Die Ärzte standen mit leeren Händen da, sie konnten die Frau nicht retten.

          Auf 25.000 Menschen schätzt die Europäische Union die Zahl der Opfer, die jährlich durch eine Infektion mit solchen multiresistenten Keimen sterben. Jeder zehnte deutsche Klinikpatient trägt sie bereits bei der Aufnahme ins Krankenhaus mit sich herum. „Wenn die Entwicklung so weitergeht“, sagt Winfried Kern, der Leiter der Infektiologie der Universitätsklinik Freiburg, „stehen wir bald bei manchen Erregern entweder mit leeren Händen da oder müssen schlechter verträgliche und unsichere Kombinationen einsetzen.“

          Die Eine-Woche-Regel war immer schon unlogisch

          Die Weltgesundheitsorganisation hat deshalb vor kurzem ihre Experten zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Einer der wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung war Mead’s fatale Mindest-Maxime. Denn wer Antibiotika länger als unbedingt nötig gibt, macht es keinesfalls unwahrscheinlicher, dass die Bakterien neue Überlebensstrategien entwickeln. Er erhöht dieses Risiko stattdessen. Angesichts des drohenden „post-antibiotischen Zeitalters“ müsse man den Ärzten dringend beibringen, die verbleibenden Mittel klüger und gezielter einzusetzen, meint die WHO.

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