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Multiple Sklerose : Jenseits von Kortison

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Warum das Immunsystem über die Nervenscheiden herfällt, ist noch immer ein Rätsel. Vermutlich besteht bei manchen eine genetische Veranlagung. Weiter begünstigt wird der Ausbruch der Krankheit wahrscheinlich durch Faktoren wie Rauchen, salzreiche Kost oder ein Mangel an Vitamin D. Und irgendwann wirkt eine Infektion, eine unbekannte Substanz, vielleicht auch eine psychische Belastung als Auslöser.

Das Gefühl, wieder gesund zu werden

Anfang der neunziger Jahre wurden vor allem Viren verdächtigt. Deshalb versuchte man MS-Kranke mit Interferon zu behandeln, einer Substanz, mit der sich der Körper normalerweise gegen Viren wehrt. Die Theorie entpuppte sich als falsch, nicht jedoch das Mittel: Interferon gehört seither zur sogenannten Basis-Therapie gerade bei leichten Fällen. Bei schwerwiegenden Verläufen, wie im Fall von Anke Wanka, können Ärzte erst helfen, weil man sich gezielter auf die Suche nach einem Wirkstoff machte. Ende der 1960er Jahre untersuchten Wissenschaftler etwa, wie es den Entzündungszellen gelingen konnte, in so großer Zahl ins Gehirn vorzudringen. Normalerweise werden solche Zellen von der Blut-Hirn-Schranke zurückgehalten. Bei MS sah es aber anders aus, hier docken Immunzellen an spezielle Strukturen der Blutgefäßwand an und können dadurch den Übergang leichter schaffen.

Der Versuch, diesen Andockprozess zu unterbinden, habe das Feld in neue Dimensionen katapultiert, sagt Heinz Wiendl. Mit Hilfe des Antikörpers Natalizumab, der 2004 erstmals für den Markt in den Vereinigten Staaten zugelassen wurde, ließen sich Entzündungsschübe aufhalten - und ihre Zahl ließ sich um zwei Drittel senken. Tysabri, so der heutige Handelsname, war das erste Medikament, mit dem sich auch das Voranschreiten der Behinderung bremsen ließ. „Ich hatte auf einmal das Gefühl, wieder gesund zu werden“, erinnert sich Wanka.

Katrin Mündel (Name geändert) hat die Therapie trotzdem abgebrochen. „Googeln sie mal Natalizumab“, sagt sie. „Das ist echt gruselig.“ Im Internet ist zum Beispiel zu lesen, dass der Hersteller drei Monate nach der Zulassung das Medikament wieder vom Markt nahm: Zwei Patienten waren an einer Infektion gestorben, durch einen eigentlich harmlosen Erreger. Die Mehrzahl der Menschen trägt das sogenannte JC-Virus unbemerkt mit sich herum, wird das Gehirn durch die Antikörper-Infusionen mehr oder weniger wehrlos gemacht, beginnt der Erreger plötzlich, Nervenscheiden zu zerstören. Mediziner sprechen dann von einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie, kurz PML.

Daclizumab - die neuste Wunderwaffe der Neurologen

Von den rund 150.000 MS-Patienten, die Tysabri mittlerweile weltweit erhielten, sind rund 700 von einer PML betroffen. Je länger ein Patient das Medikament verabreicht bekommt, desto größer wird das Risiko. Obwohl die Ärzte mit regelmäßigen Kernspin- und Blutuntersuchungen versuchen, es einzudämmen. Für Katrin Mündel war nach fünfzehn Monaten Schluss, gegen den Rat des Arztes. Die 35-Jährige bezeichnet sich selbst als Kontrollfreak, und die Gefahr war ihr zu groß geworden. Neun weitere Monate grübelte und recherchierte sie, bis sie sich zur Behandlung mit einem anderen Antikörper durchringen konnte. Ihr blieb keine Wahl: Eine Kernspinaufnahme zeigte neue Entzündungsherde.

Seit diesem Sommer spritzt sie sich die neueste Wunderwaffe der Neurologen: Daclizumab. „Das erste Medikament, das dem Immunsystem nichts nimmt, sondern ihm etwas zurückgibt“, sagt Wiendl, der an der Entwicklung beteiligt war, voller Überzeugung. Im Gegensatz zur bisherigen Antikörper-Strategie versucht man nicht, die Immunzellen zu bremsen oder zu zerstören. Dieses Mittel soll hingegen die Gegenspieler stärken, somit die Autoimmunreaktion im Gehirn unterbinden. Dennoch muss Mündel Nebeneffekte in Kauf nehmen; vierzehn Kilogramm hat sie seit August an Körpergewicht verloren, weil ihr der Appetit verging. Außerdem können Infektionen zur Bedrohung werden und weitere Autoimmunkrankheiten auftreten. Ähnliche Probleme treten bei der Therapie mit Alemtuzumab auf, einem Antikörper, der das Immunsystem noch stärker beeinflusst. Das Mittel soll unter den Lymphozyten eine Art Massensterben auslösen. Mit dem Kalkül, dass der Körper die unerwünschten autoaggressiven Zellen durch harmlose ersetzt.

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