https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/moegliche-effekte-des-schmerzmittels-paracetamol-in-der-schwangerschaft-18349376.html

Schmerzmittel : Schadet Paracetamol in der Schwangerschaft?

  • -Aktualisiert am

Paracetamol ist in der Schwangerschaft oft das Schmerzmittel der Wahl. Bild: REUTERS

Verhaltensauffälligkeiten sind womöglich häufiger bei Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol genommen haben, so eine neue Studie. Die Aussagekraft der Ergebnisse ist jedoch sehr begrenzt.

          2 Min.

          Es ist ein sensibles Thema: Ob sich die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft negativ auf die Entwicklung des ungeborenen Kindes auswirken könnte, wird in Fachkreisen schon länger kontrovers diskutiert. Ein Forschungsteam der Pennsylvania State University hat nun untersucht, ob bei Kindern, deren Mütter den Wirkstoff während der Schwangerschaft eingenommen hatten, Auffälligkeiten zu finden sind. Ihre Ergebnisse haben sie im Fachjournal „Plos One“ veröffentlicht.

          Das Team wertete die Daten von 2422 Müttern und ihren Kindern aus: Die werdenden Mütter hatten im Rahmen eines Telefoninterviews in der 35. Schwangerschaftswoche darüber Auskunft gegeben, welche Medikamente sie zuvor in der Schwangerschaft in welcher Dosis, Häufigkeit und aus welchem Grund genommen haben. Da die Aussagen der Frauen zu Dosis und Dauer der Einnahme in der Regel jedoch nicht spezifisch genug waren, wurde hier nicht weiter differenziert und nur zwischen Frauen mit oder ohne Paracetamol-Einnahme unterschieden. Daraus ergibt sich bereits ein erster Kritikpunkt: Schließlich spiele die Einnahmephase während der Schwangerschaft angesichts der unterschiedlichen Stadien der Sensibilität in der kindlichen Entwicklung eine wichtige Rolle, so Wolfgang Paulus, Oberarzt und Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie der Universitätsfrauenklinik Ulm. Ian Musgrave, Pharmakologe an der Universität Adelaide, stellt außerdem fest, dass auch die Gründe für die Schmerzmittel-Einnahme selbst – wie Fieber, Infektionen und Allergien – einen potentiellen Effekt auf die Entwicklung des Kindes gehabt haben könnten.

          Erhebung per Fragebögen

          Im Alter von drei Jahren wurde dann erhoben, wie es den Kindern ging. Hierzu schätzten die Mütter – und nicht etwa ärztliches oder psychologisches Fachpersonal – das Verhalten ihres Kindes anhand eines standardisierten Fragebogens, der sogenannten Child Behavior Checklist, für verschiedene Altersstufen ein. Dabei werden unterschiedliche Aussagen wie „kann nicht stillsitzen”, „vermeidet es, anderen in die Augen zu sehen“ oder „möchte nicht alleine schlafen“ anhand einer Skala abgefragt. Dies kann – je nach Ausprägung – Aufschluss über bestimmte Verhaltensauffälligkeiten wie Zurückgezogenheit, Aggressivität, Schlaf- oder Aufmerksamkeitsprobleme geben.

          Nachdem potentielle Störfaktoren wie pränataler Stress herausgerechnet wurden, zeigte sich, dass Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, wohl etwas häufiger Schlaf- und Aufmerksamkeitsprobleme hatten. Allerdings besteht Paulus zufolge statistisch gesehen „nur ein marginaler Zusammenhang“, und erst recht keine kausale Verknüpfung. Zudem könnten Fragebögen zwar als Screening-Instrument dienen, um gefährdete Kinder zu identifizieren; sie seien jedoch weder für eine quantitative Bewertung der neurologischen Entwicklung geeignet noch als Diagnoseinstrument etwa für ADHS. Denn auch die Vererbbarkeit und familiäre Umweltbedingungen spielten dabei eine Rolle.

          Womöglich sind ganz andere Faktoren entscheidend

          Letztere seien als „gravierende Einflussgröße“ zu betrachten, sagt Paulus. „Möglicherweise unterscheiden sich eben Mütter, die während der Schwangerschaft häufiger zu Paracetamol greifen, in ihren Verhaltensmustern während der Erziehung ihrer Kinder auch von Schwangeren, die bewusst auf die Medikamenteneinnahme verzichten.“ Das sieht auch Gavin Pereira so, Epidemiologe und Biostatistiker an der Curtin School of Population Health im australischen Perth. „Es ist möglich, dass Mütter mit zugrundeliegenden Ängsten eher Paracetamol einnehmen und über negative Folgen für ihr Kind berichten, unabhängig davon, ob ein biologischer Effekt zugrunde liegt oder nicht.“ Die Studie selbst könnte dafür einen Hinweis liefern – dort heißt es, dass Frauen, die Acetaminophene wie Paracetamol einnahmen, vor der Schwangerschaft häufiger unter Ängsten und Depressionen litten und auch über höhere Stresslevel berichteten.

          Sowohl Paulus als auch Pereira empfehlen, Paracetamol in der Schwangerschaft so kurz und niedrig dosiert wie möglich einzunehmen – anstatt auf andere Schmerzmedikamente mit potentiell noch problematischerem Wirkungsprofil auszuweichen. „Paracetamol ist nach wie vor ein gut dokumentiertes, sicheres Analgetikum während der Schwangerschaft“, sagt Paulus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christiane Hörbiger, hier eine Aufnahme aus dem September 2013, ist am Mittwoch im Alter von 84 Jahren gestorben.

          Christiane Hörbiger gestorben : Mit einem Schuss Bitterkeit

          Christiane Hörbiger entstammte einer bedeutenden Schauspielerfamilie. Bekannt wurde sie einem breiten Publikum mit tragenden Rollen in Fernsehserien. Jetzt ist sie gestorben.
          Ihr Auftritt als Schiedsrichterin tut der WM gut: Stéphanie Frappart

          Alles außer Fußball : Es ist Zeit für Stéphanie

          Die französische Schiedsrichterin Stéphanie Frappart wird das Spiel Costa Rica gegen Deutschland pfeifen. Das solle nichts Besonderes sein, sagt sie. Und doch ist es das.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.