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Modedroge Crystal Meth : „Sie kommen mir vor wie wilde Tiere“

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Bei Jugendlichen in der bayrisch-tschechischen Grenzregion konfisziert: Crytal Meth. Bild: Tobias Schmitt

Wie schaffte es Crystal Meth trotz der großen Gesundheitsrisiken zur Modedroge? Es passt zur Leistungsgesellschaft: Sich euphorisieren lassen, wann immer man will. Der Preis ist für viele ein gefährlicher Kontrollverlust.

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          Mit 0,6 Gramm der „extrem gefährlichen“ Droge Crystal Meth soll der Grünen-Abgeordnete Volker Beck laut „Bildzeitung“ erwischt worden sein. Übertreibt „Bild“ wieder mal? Weltweit konsumieren immer mehr Leute Crystal Meth, auch in Teilen Deutschlands ist das Aufputschmittel auf dem Vormarsch. „Es ist vor allem im Osten einfach zu bekommen und unauffällig anzuwenden“, sagt Boris Quednow, Leiter der Forschungsabteilung für Pharmakopsychologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. „Das Gefährliche an Crystal Meth ist: Es wirkt länger als andere Drogen, hat ein hohes Suchtpotential und verursacht langfristige Schäden im Hirn.“

          Immer häufiger würden Leute mit einer Überdosierung durch Crystal Meth eingeliefert, erzählt Michael Christ, Chef-Notfallmediziner an der Paracelsus-Privatuniversität in Nürnberg. „Ich sorge mich aber nicht nur um die Patienten, sondern auch um meine Mitarbeiter.“ Crystal Meth mache die Betroffenen so aggressiv, dass sie kaum zu bändigen seien. „Das soll nicht abwertend klingen, aber sie kommen mir manchmal vor wie wilde Tiere. Sie kämpfen, ohne eine emotionale Regung zu zeigen, und sind überhaupt nicht ansprechbar.“

          Gefährlicher Sorgenvergesser: Die Folgen des Konsums von Crystal Meth sind nicht selten tödlich.
          Gefährlicher Sorgenvergesser: Die Folgen des Konsums von Crystal Meth sind nicht selten tödlich. : Bild: dpa

          Wer Crystal Meth schluckt, schnupft, raucht oder spritzt, fühlt sich topfit, euphorisch und hellwach. Er glaubt, die Welt aus den Angeln heben zu können. „Man spürt weder Hunger noch Durst und hält sich für unbesiegbar“, erklärt Quednow. Crystal Meth - auch Crank oder Ice genannt - ist ein Methamphetamin. Es gehört zur gleichen Stoffgruppe wie Amphetamin (Speed) und ähnelt chemisch MDMA (Ecstasy). Crystal Meth setzt im Gehirn die Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin frei, welche die Drogenwirkungen auslösen.

          Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) sind amphetaminähnliche Stoffe nach Cannabis weltweit die am zweithäufigsten konsumierten illegalen Drogen. Fast 34 Millionen Menschen zwischen 15 und 64 Jahren gaben 2010 an, während eines Jahres diese Substanzen konsumiert zu haben. Und es scheinen immer mehr zu werden: 2012 wurden weltweit 80 Prozent mehr dieser Drogen beschlagnahmt als 2010, nämlich mehr als 135 Tonnen, vor allem Methamphetamin.

          Michael Bernhard sieht jede Woche zwei bis drei Patienten mit Crystal Meth-Überdosierung, am Wochenende oft sogar mehrere am Tag. Der Leitende Oberarzt der Zentralen Notaufnahme am Uniklinikum Leipzig erkennt das meist schon auf den ersten Blick. „Die Betroffenen sind total unruhig, haben große Pupillen und einen wahnsinnig schnellen Herzschlag“, sagt er. „Manche zittern oder halluzinieren, im schlimmsten Fall bekommen sie keine Luft mehr oder sterben durch einen Herzstillstand.“ Mit Sorge beobachtet Bernhard, dass sich das Drogenproblem in Leipzig in den vergangenen fünf Jahren stark verändert hat. „Wir sehen fast nur noch Leute mit Crystal Meth, und zwar aus allen Gesellschaftsschichten.“ Das Problem der Droge sei, dass es die Leute unberechenbar mache. „Ein Patient mit einer Alkoholvergiftung bleibt hier, wenn ich ihm sage, dass er eine Nacht überwacht werden soll. Aber der Crystal-Meth-Patient zieht sich auf einmal alle Infusionen raus und geht einfach.“ So ein Verhalten erlebt sein Kollege Christ aus Nürnberg auch immer wieder. Dem jungen Mann neulich schien es eine Nacht nach der Überdosierung wieder gutzugehen. „Plötzlich schlägt er einem Pfleger die Faust ins Gesicht und brüllt laut los“, erzählt Christ, „wir mussten ihn mit fünf Männern bändigen.“

          Der schmutzige Bruder der Naturdrogen: Crystal Meth, hier beschlagnahmte Ware beim BKA Wiesbaden.
          Der schmutzige Bruder der Naturdrogen: Crystal Meth, hier beschlagnahmte Ware beim BKA Wiesbaden. : Bild: dpa

          Methamphetamin-Abbauprodukte im Abwasser lassen indirekt auf den Konsum schließen. Forscher aus Europa fanden kürzlich bei einer Analyse in 21 europäischen Ländern am meisten davon in Tschechien, der Slowakei, Nordeuropa und Ostdeutschland, in Dresden dabei mehr als zehnmal so viel wie in Berlin, Dülmen, Dortmund oder München. Heute finden die UNODC-Experten immer mehr Labore in Deutschland, Österreich, Bulgarien und der Slowakei. „Die Droge ist attraktiv, weil sie einfach herzustellen ist - das Rezept steht sogar auf Wikipedia“, sagt der Suchtexperte Quednow.

          Er sieht noch einen anderen Grund für den zunehmenden Konsum, der möglicherweise auch bei Volker Beck eine Rolle gespielt haben könne: „Crystal Meth führt dazu, dass man sich unschlagbar fühlt und alles im Griff zu haben scheint. Daher passt diese Substanz so gut in unsere heutige Leistungsgesellschaft, die suggeriert, man müsse stets topfit sein und dürfe niemals Schwäche zeigen.“ Er könne sich gut vorstellen, dass Menschen unter hohem Leistungsdruck und mit wenig Selbstbewusstsein besonders anfällig für Crystal Meth seien. Die Droge habe zudem den „Vorteil“, dass man sie unauffällig nur ein- oder zweimal am Tag zu nehmen brauche, während man zum Beispiel Kokain für einen anhaltenden Effekt jede Stunde schnupfen müsse.

          Gefährlich sind nicht nur die akuten Wirkungen. In Aufnahmen vom Gehirn sieht man bei Abhängigen, dass sich die Konzentration bestimmter Botenstoffe langfristig ändert und Nervenzellen geschädigt werden. Gedächtnis und räumliches Vorstellungsvermögen lassen nach, die Betroffenen können sich nicht mehr so gut konzentrieren und planen schlechter. Einige werden depressiv oder aggressiv, bekommen Angststörungen oder Halluzinationen. Im Internet kursieren Bilder von ausgezehrten jungen Leuten mit faulenden Zähnen und hässlichen Hautausschlägen. Das sind vermutlich einerseits direkte Effekte der Droge, zum anderen indirekte. So essen und schlafen die Betroffenen kaum noch, nehmen nicht genügend Vitamine und Nährstoffe auf. Das verursacht Zahnschäden, die durch das häufige Zähneknirschen unter Einfluss der Droge verstärkt werden können. Crystal Meth verengt die Blutgefäße und stört die Durchblutung, was Hautschäden erklären kann.

          Sorgen macht den Ärzten zudem, dass immer mehr Menschen abhängig werden, vor allem in Ostdeutschland. Jeder fünfte, der 2013 Beratung bei der Suchtkrankenhilfe Sachsen suchte, tat dies wegen Crystal Meth, sechzehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Einige Patienten sind sich gar nicht bewusst, dass Crystal Meth eine Droge ist“, sagt Notfallmediziner Bernhard. „Die sind dann ziemlich erstaunt, wenn ich ihnen erkläre, wie stark das abhängig machen kann.“

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