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Parasiten : Der Wurm, dein Feind und Helfer

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Man könnte an Tagliatelle denken. Es handelt sich aber um den Rinderbandwurm Taenia saginata, der im menschlichen Darm auf bis zu zehn Meter Länge heranwachsen kann. Bild: Norbert Müller

Band-, Spul- und Hakenwürmer sind böse Parasiten. Neuerdings gelten sie aber auch als Heilsbringer bei Autoimmunkrankheiten und Allergien. Was ist da dran?

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          Jasper Lawrence war krank. Seit seiner Kindheit litt er unter heftigen Allergien, später nahm ihm Asthma immer mehr den Atem. Linderung brachte bei dem damals 40-Jährigen nur noch Kortison, das wiederum heftige Nebenwirkungen auslöste. Das Treppensteigen war zur Qual geworden, er konnte kaum noch mit seinen Kindern spielen. In diesem Zustand bestieg der in Amerika lebende Brite 2006 ein Flugzeug nach Kamerun. Sein Ziel: entlegene Dörfer ohne Sanitäranlagen, durch deren Buschlatrinen er barfuß spazierte. Seine Hoffnung: eine Infektion mit Larven des Hakenwurms Necator americanus.

          Die übelste Geißel der Tropen

          Der wenige Millimeter lange Fadenwurm besiedelt als Parasit den menschlichen Darm und saugt dort an den Darmzotten Blut. Die bis zu dreißigtausend Eier, die ein Weibchen am Tag produzieren kann, werden mit dem Stuhl ausgeschieden, die daraus schlüpfenden Wurmlarven warten im feuchten Boden auf einen neuen Wirt. Bei Kontakt bohren sie sich durch dessen Haut, wandern über den Blutkreislauf in die Lunge und gelangen von dort beim Husten auf dem Umweg über den Magen schließlich in den Darm. Während ein paar Würmer kaum größeren Schaden anrichten, führt ein massiver Befall zu Blutarmut und verminderter Widerstandskraft gegen andere Krankheiten. Hakenwürmer gelten bis heute als eine der übelsten Geißeln der Tropen.

          Dass sich Jasper Lawrence ausgerechnet von ihnen die Linderung seines allergischen Asthmas versprach, hat mit der unter Medizinern vieldiskutierten „Alte Freunde“-Hypothese zu tun, der zufolge sich der Mensch in einer Jahrmillionen währenden Koevolution mit seinen Wurmparasiten arrangiert hat. Weil den Menschen in den Industrienationen diese „alten Freunde“ heute fehlen, neige ihr Immunsystem vermehrt zu überschießenden Reaktionen und damit zu Allergien, Asthma und chronisch entzündlichen Krankheiten wie Morbus Crohn, Multipler Sklerose, Diabetes vom Typ 1 oder rheumatoider Arthritis. Diese Theorie ist eine Weiterentwicklung der durch zahllose Indizien unterstützten und von den meisten Medizinern mehr oder minder akzeptierten Hygienehypothese, nach der ganz allgemein übertriebene Reinlichkeit und der mangelnde Kontakt mit Schmutz und Mikroben für die massive Zunahme der allergischen Volkskrankheiten verantwortlich ist.

          Würmer manipulieren die Immunantwort

          Ob man Würmer, die in unterentwickelten Ländern bis heute zu den schlimmsten Krankheitserregern zählen, wirklich als alte Freunde bezeichnen kann, darf man mit Recht hinterfragen. Der Zusammenhang mit Zivilisationskrankheiten sei aber nicht so unplausibel, wie es zunächst erscheinen mag, sagt der Molekularparasitologe Richard Lucius von der Humboldt-Universität in Berlin. „Mehrzellige Parasiten können sich im evolutionären Wettkampf mit dem Wirt wegen ihrer komplexen Genome und langsameren Lebenszyklen nicht so sehr auf spontane Mutationen und eine hohe Fortpflanzungsrate verlassen, wie es Bakterien und Viren tun. Sie haben sich stattdessen darauf verlegt, die Immunantwort ihres Wirtes mit Hilfe von Signalmolekülen zu ihren Gunsten zu manipulieren.“ Wenn diese dämpfenden Signale des Parasiten wegfielen, sei es durchaus denkbar, dass das Immunsystem aus seiner komplexen Balance geraten könnte.

          Die Idee, dass umgekehrt eine gezielte Infektion mit Haken- oder Peitschenwürmern dieses Gleichgewicht wiederherstellen und Krankheitssymptome lindern könnte, beschäftigt seit etlichen Jahren immer mehr Mediziner und Biologen. Eine Fülle an Studien im Labor und an Mäusen zeigte mögliche Mechanismen für solch einen heilsamen Effekt auf. Offenbar aktiviert eine Wurminfektion beim Wirt bestimmte T-Helferzellen des Immunsystems vom Typ Th2. Sie sind unter anderem für die Produktion einer ganzen Reihe von Botenstoffen verantwortlich, die nicht nur Abwehrreaktionen gegen den Wurmbefall auslösen, sondern auch hemmend auf jene Klasse der Th1-Zellen einwirken, welche wiederum Entzündungsreaktionen begünstigen. Eine Wurminfektion könnte das Zünglein an der Waage sein, um das Gleichgewicht zwischen Th1 und Th2 im Normbereich zu halten.

          Trichuriden gegen Morbus Crohn

          Was bei Mäusen klappt, muss noch lange nicht beim Menschen funktionieren. Zu den ersten Forschern, die Patienten bewusst mit Wurmparasiten infizierten, zählte der Gastroenterologe Joel Weinstock von der Tufts University in Boston. 2005 publizierte seine Forschungsgruppe zwei Studien, in denen insgesamt 83 unter den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa leidende Patienten recht gut auf eine künstliche Infektion mit Eiern des Schweinepeitschenwurms (Trichuris suis) ansprachen. Dieser enge Verwandte des menschlichen Parasiten Trichuris trichiura gehört wie der Hakenwurm zu den Fadenwürmern, wird aber in Form von Eiern über den Mund aufgenommen. Der Schweineparasit hat den therapeutischen Vorteil, dass er sich im Darm des Menschen nur vorübergehend festsetzen kann und nach zwei Wochen von selbst wieder abgeht.

          Nach diesen Anfangserfolgen schoben die amerikanischen und europäischen Arzneimittelbehörden jedoch erst einmal einen Riegel vor. Sie verlangten, dass die Wurmeier vor weiteren Studien die üblichen Anforderungen an Qualitätssicherung und Sicherheit für Arzneimittel zu erfüllen hätten. Die Forscher mussten eine mehrjährige Zwangspause einlegen.

          Immuneffekt ja, klinischer Nutzen Fehlanzeige

          Seit 2010 laufen mehrere größere und strenger kontrollierte klinische Studien zur Wurmtherapie. Doch nach den positiven Ergebnissen der frühen Studien folgt nun eine Ernüchterung auf die andere. Als Erste berichteten 2009 dänische Forscher von ihrem erfolglosen Versuch, allergische Rhinitis (vulgo: Heuschnupfen) mit Wurmeiern zu lindern. Zwar zeigten sich bei den knapp fünfzig Teilnehmern der Studiengruppe typische Effekte einer Wurminfektion. Doch ihre Nasen liefen nicht minder als bei denen, die nur Salzlösung geschluckt hatten. Zu einem ähnlichen Schluss kam 2012 eine Studie schottischer Forscher mit 89 Pollenallergikern: Zwar veränderte sich durch die Wurminfektion die Balance der Immunbotenstoffe wie erhofft, der praktische Nutzen blieb jedoch aus.

          Auch die noch nicht offiziell publizierten Ergebnisse zweier großer Studien in den Vereinigten Staaten und in Europa zur Wirkung der Wurmeier auf Morbus Crohn mit jeweils rund 250 Teilnehmern sind enttäuschend. Die europäische Studie wurde Ende 2013 nach einer Analyse der Zwischenergebnisse sogar vorzeitig abgebrochen. „Beim Vergleich von Studien- und Kontrollgruppe zeigte sich eine immunologische Antwort auf die Würmer, aber kein nachweisbarer Unterschied in der Symptomatik“, sagt der Studienkoordinator Jürgen Schölmerich vom Universitätsklinikum Frankfurt. Auffällig sei allerdings der extrem starke Placeboeffekt. „Bei gut vierzig Prozent der Patienten beider Gruppen verbesserten sich die Symptome deutlich. Erwartet hätten wir höchstens zehn bis 25 Prozent.“ Offenbar habe es sich bei den Studienteilnehmern um ausgesprochene „believer“ gehandelt - kaum verwunderlich bei einer derart belastenden und schwer zu behandelnden Krankheit, deren Symptome sich nicht leicht objektiv messen lassen. Auch die parallel laufende amerikanische Studie scheint keine besseren Ergebnisse zu erbringen, wie ihr Sponsor, die Biotechfirma Coronado Bioscience, kurz zuvor zugeben musste. Die Aktie brach daraufhin um 75 Prozent ein.

          Ist die heilende Kraft des Wurms also nur Einbildung? „Bei einer so hohen Placeborate könnte keine Arznei der Welt ihre Wirksamkeit beweisen“, urteilt Joel Weinstock. Dem widerspricht Schölmerich. Echte Wirkungen vom Placeboeffekt unterscheiden zu können sei ja gerade der Zweck kontrollierter Studien. Was nicht heißen solle, dass es die echten Wirkungen nicht trotzdem geben könne: „Unsere Teilnehmer litten im Schnitt seit acht Jahren an Morbus Crohn. Vielleicht wirken Würmer besser bei einer erst kürzlich manifestierten Erkrankung.“ Für die klinische Forschung und ihre Finanziers sei das Thema Wurmtherapie bei Morbus Crohn aber wohl auf absehbare Zeit „verbrannt“.

          Das gelte allerdings durchaus nicht für andere Anwendungsbereiche, gibt Schölmerich zu bedenken. Im Rennen sind vor allem noch zwei Studien an der Berliner Charité und dem Universitätsklinikum in Nottingham zur Wirksamkeit bei Multipler Sklerose. Hoffnung macht hier vor allem eine kleine argentinische Studie aus dem Jahr 2007, nach der die Autoimmunkrankheit des Nervensystems bei Patienten mit einer natürlichen Hakenwurminfektion einen deutlich günstigeren Verlauf zeigt.

          Während man nun in Berlin ebenfalls Eier des Schweinepeitschenwurms verwendet, setzen die englischen Forscher auf den Hakenwurm, der als Parasit des Menschen eine bessere Wirkung haben könnte. „Es könnte sein, dass es einer längeren Infektionsphase bedarf, um nachhaltige Effekte zu erzeugen“, sagt der Studienleiter Cris Constantinescu. Über Ergebnisse will er nicht sprechen, solange nicht alle 72 Patienten die Studie abgeschlossen hätten. Ernstere Nebenwirkungen seien bisher jedenfalls nicht aufgetreten.

          Und Jasper Lawrence? Er schwört, dass die Hakenwürmer ihn von Allergien und Asthma befreit haben, und vertreibt seitdem Hakenwurmlarven über das Internet. 3900 Dollar kostet ein fünfjähriges Abonnement. Die Kundenzufriedenheit sei enorm. Weil die amerikanischen Gesundheitsbehörden aber ein Problem mit seinem Produkt hatten, sah er sich 2009 gezwungen, Hals über Kopf via Mexiko in sein Geburtsland Großbritannien zurückzukehren. Dort erledigt er seither von einem geheim gehaltenen Ort aus sein Geschäft.

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