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Parasiten : Der Wurm, dein Feind und Helfer

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Auch die noch nicht offiziell publizierten Ergebnisse zweier großer Studien in den Vereinigten Staaten und in Europa zur Wirkung der Wurmeier auf Morbus Crohn mit jeweils rund 250 Teilnehmern sind enttäuschend. Die europäische Studie wurde Ende 2013 nach einer Analyse der Zwischenergebnisse sogar vorzeitig abgebrochen. „Beim Vergleich von Studien- und Kontrollgruppe zeigte sich eine immunologische Antwort auf die Würmer, aber kein nachweisbarer Unterschied in der Symptomatik“, sagt der Studienkoordinator Jürgen Schölmerich vom Universitätsklinikum Frankfurt. Auffällig sei allerdings der extrem starke Placeboeffekt. „Bei gut vierzig Prozent der Patienten beider Gruppen verbesserten sich die Symptome deutlich. Erwartet hätten wir höchstens zehn bis 25 Prozent.“ Offenbar habe es sich bei den Studienteilnehmern um ausgesprochene „believer“ gehandelt - kaum verwunderlich bei einer derart belastenden und schwer zu behandelnden Krankheit, deren Symptome sich nicht leicht objektiv messen lassen. Auch die parallel laufende amerikanische Studie scheint keine besseren Ergebnisse zu erbringen, wie ihr Sponsor, die Biotechfirma Coronado Bioscience, kurz zuvor zugeben musste. Die Aktie brach daraufhin um 75 Prozent ein.

Ist die heilende Kraft des Wurms also nur Einbildung? „Bei einer so hohen Placeborate könnte keine Arznei der Welt ihre Wirksamkeit beweisen“, urteilt Joel Weinstock. Dem widerspricht Schölmerich. Echte Wirkungen vom Placeboeffekt unterscheiden zu können sei ja gerade der Zweck kontrollierter Studien. Was nicht heißen solle, dass es die echten Wirkungen nicht trotzdem geben könne: „Unsere Teilnehmer litten im Schnitt seit acht Jahren an Morbus Crohn. Vielleicht wirken Würmer besser bei einer erst kürzlich manifestierten Erkrankung.“ Für die klinische Forschung und ihre Finanziers sei das Thema Wurmtherapie bei Morbus Crohn aber wohl auf absehbare Zeit „verbrannt“.

Das gelte allerdings durchaus nicht für andere Anwendungsbereiche, gibt Schölmerich zu bedenken. Im Rennen sind vor allem noch zwei Studien an der Berliner Charité und dem Universitätsklinikum in Nottingham zur Wirksamkeit bei Multipler Sklerose. Hoffnung macht hier vor allem eine kleine argentinische Studie aus dem Jahr 2007, nach der die Autoimmunkrankheit des Nervensystems bei Patienten mit einer natürlichen Hakenwurminfektion einen deutlich günstigeren Verlauf zeigt.

Während man nun in Berlin ebenfalls Eier des Schweinepeitschenwurms verwendet, setzen die englischen Forscher auf den Hakenwurm, der als Parasit des Menschen eine bessere Wirkung haben könnte. „Es könnte sein, dass es einer längeren Infektionsphase bedarf, um nachhaltige Effekte zu erzeugen“, sagt der Studienleiter Cris Constantinescu. Über Ergebnisse will er nicht sprechen, solange nicht alle 72 Patienten die Studie abgeschlossen hätten. Ernstere Nebenwirkungen seien bisher jedenfalls nicht aufgetreten.

Und Jasper Lawrence? Er schwört, dass die Hakenwürmer ihn von Allergien und Asthma befreit haben, und vertreibt seitdem Hakenwurmlarven über das Internet. 3900 Dollar kostet ein fünfjähriges Abonnement. Die Kundenzufriedenheit sei enorm. Weil die amerikanischen Gesundheitsbehörden aber ein Problem mit seinem Produkt hatten, sah er sich 2009 gezwungen, Hals über Kopf via Mexiko in sein Geburtsland Großbritannien zurückzukehren. Dort erledigt er seither von einem geheim gehaltenen Ort aus sein Geschäft.

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