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Kampf gegen Tinnitus : Macht es piep, hör einfach Pop

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„Die Patienten sind verzweifelt und werden deshalb immer wieder als Versuchskaninchen missbraucht“, sagt Olaf Michel aus der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung der Universität Brüssel. Der „adaptive Neuromodulator“ ist geradezu ein Paradebeispiel dafür. Ursprünglich hatte man die Technik im Forschungszentrum Jülich für Krankheiten wie Parkinson und Epilepsie erdacht. Ausprobiert wurde sie schließlich von einem Spin-off, der Firma ANM, an Tinnituspatienten. Vier errechnete Töne sollten helfen, ihre chaotisch feuernden Nervenzellen zu synchronisieren. Als Wissenschaftler der Universität Nottingham 2014 die Therapie genauer untersuchten, war der Spuk bald vorbei. In der Studie fand sich kein Hinweis für einen Nutzen, das Unternehmen ging pleite. Inzwischen ist die Idee wieder da und wird von einer britischen Firma als iPod-Anwendung vertrieben.

Die sogenannte Vagusstimulation wiederum wurde eigentlich entwickelt, um Hypertonikern den zu hohen Blutdruck zu senken. Seit neuestem haben findige Geschäftsleute auch Tinnituspatienten im Visier. Ihnen, heißt es, könnten die Stromstöße aus einer in den Hals eingepflanzten Elektrode das Ohrgeräusch nehmen – einen Beleg dafür blieb man bislang schuldig. Ein großer Renner ist und war auch der sogenannte Softlaser der Firma Tinnitool. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Art Laserpointer, der, ins Ohr gesteckt, die Gehörschnecke anregen soll. Schon theoretisch bleibt dessen gesamte Energie im Knochen stecken, in der Praxis fiel das Gerät ebenfalls in allen hochwertigen Studien durch. „Eine kausale, den Tinnitus abschaltende Therapie wird und kann es so schnell nicht geben“, sagt Olaf Michel, „dazu haben wir die Entstehungsmechanismen viel zu wenig verstanden.“

Nachweisbar erfolgreich ist bisher nur ein einziges Verfahren: die sogenannte tinnituszentrierte Verhaltenstherapie. Denn zumindest so viel ist klar: Viel entscheidender als die Quelle des Ohrgeräuschs ist die Frage, wie viel Aufmerksamkeit ihm der Patient schenkt. Genau wie an unangenehme Gerüche kann sich unser Gehirn auch an unangenehme Geräusche gewöhnen und das Weghören lernen. Spezialisierte Zentren wie das der Berliner Charité setzen deshalb schon seit langem auf multimodale Therapiekonzepte, die mit einer Kombination aus Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren und Hörtrainingseinheiten dem Patienten das In-sich-Hineinhören abgewöhnen sollen.

Nicht wirksam? Dafür aber günstig

Vor wenigen Monaten hat die Techniker deutschlandweit Behandlungsverträge mit Tinnituszentren aufgekündigt, darunter auch den mit der Berliner Charité. Zur Begründung wurde das „Nicht-Erreichen vereinbarter Wirtschaftlichkeitsziele“ angegeben. Weil die multimodale Behandlung ohnehin kein Teil des regulären Katalogs ist, bleibt es der Kasse überlassen zu entscheiden, wem sie die Therapie zahlt und wem nicht. Der therapeutische Nutzen einer Leistung müsse grundsätzlich nachgewiesen sein, erklärte die Techniker in einem Ablehnungsschreiben.

Fragt sich nur: Gilt das für Tinnitracks nicht? Oder hängt es am Ende vielleicht damit zusammen, dass Apps für wenig Geld zu haben sind und gerade bei jungen Versicherten, die den Krankenkassen am liebsten sind, mehr Eindruck schinden als langwierige Spezialbehandlungen?

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