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Kampf gegen Tinnitus : Macht es piep, hör einfach Pop

  • -Aktualisiert am

Acht Behandelte sind allerdings längst nicht genug für eine belastbare Studie. Und das Ergebnis sei auch noch aus einem anderen Grund wenig aussagekräftig, sagt Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums der Berliner Universitätsklinik Charité. Wie laut ein Patient sein Ohrgeräusch hört, hängt weniger vom Tinnitus selbst ab als vielmehr davon, wie genau er hinhört. Emotionale Faktoren spielen eine große Rolle. Zudem geht die sogenannte Lautheit des Tons auch unbehandelt ständig rauf und runter. „Selbst wenn ich das Geräusch abschwäche, löse ich das Problem nicht“, sagt die HNO-Ärztin. „Der Patient kann es immer noch genauso laut empfinden.“

Im vergangenen Jahr legte das Münsteraner Team um Christo Pantev nach. Diesmal hatten 83 Patienten die Studie abgeschlossen. Auch in Hinblick auf Aufbau und Qualität bot die Untersuchung den Kritikern wenig Angriffspunkte. Nur das Ergebnis war ernüchternd: Nach den vorgesehenen drei Monaten Studiendauer hatte die Behandlung nichts bewirkt. Die Teilnehmer hörten ihren Tinnitus noch genauso laut, sie empfanden ihn auch als genauso belastend. Auch einen Monat später stieß man auf keinen klinisch relevanten Effekt. „Bisher konnte noch keine Studie zeigen, dass die Tinnitracks-Technologie funktioniert“, sagt Birgit Mazurek. „Diese belegt nun sogar das Gegenteil.“ Konfrontiert mit diesem Befund, teilte die TK lediglich mit, dass es ihr Ansinnen sei, ihren Versicherten „kontinuierlich zusätzliche geeignete Therapieoptionen zur Verfügung zu stellen“.

Karin Walter erlebte die App allerdings als Reinfall. TK-Versicherte, die Tinnitracks nutzen wollen, müssen zunächst einen Arzt aufsuchen. Weil es in der Nähe von Bochum keinen passenden Mediziner gab, wurde sie von der Kasse nach Hamburg verwiesen. Und dort unverrichteter Dinge wieder zurückgeschickt: Bei einem rauschenden Ohrgeräusch funktioniere die Technik nicht, hieß es in der Praxis.

All das scheint nicht nur bei der Techniker niemanden zu stören. Inzwischen haben 18 ihrer Konkurrenten das Angebot ebenfalls übernommen. Vertragspartner ist neben der Firma Sonormed stets der Berufsverband der HNO-Ärzte. Niedergelassene Mediziner werden ins Boot gelockt, weil sie ein verlockendes Sonderentgelt für die begleitenden Tests kassieren. Befragt nach der Höhe dieser extrabudgetären Vergütung, berief sich die TK auf Vertraulichkeit.

Wer Tinnitus hat, ist zu vielem bereit, um ihn loszuwerden

Die Tinnitus-Patienten sind zweifelhafte Angebote gewohnt. Andrea Wuttke (Name geändert) hat für sie bereits den Preis für eine Einbauküche hingeblättert. Das Ohrgeräusch überfiel sie vor zehn Jahren beim Zeitunglesen. Nach einem Jahr voller Tabletten, Infusionen und teurer Arztbesuche rief ihre Mutter an. Sie habe da gerade von einer interessanten Therapie gelesen, der „adaptiven Neuromodulation“. Andrea Wuttke biss an. „Ich wollte, dass es weggeht, ganz weggeht“, sagt die 48-Jährige. 2658 Euro legte sie für ein streichholzschachtelgroßes Kästchen hin. Mit einigen zusätzlichen hundert Euro ließ sich der HNO-Arzt jeden Handschlag vergüten. Nach einem Monat gab sie das Gerät zurück. Sechs Stunden täglich einen fiependen Kopfhörer auf den Ohren, der auch noch auf beiden Seiten unterschiedliche Töne von sich gab: „Ich habe gedacht, ich werde verrückt“, erinnert sie sich. Am Tinnitus hatte sich nichts geändert. Und den Selbstbehalt von 356 Euro rückte die Firma auch nicht mehr heraus.

Vor fünf Jahren hat der amerikanische HNO-Arzt Rich Tyler einmal nachgefragt, was es Betroffenen wert wäre, ihr Ohrgeräusch loszuwerden. 5000 Dollar, derzeit rund 4500 Euro, waren für fast jeden drin. Jeder Fünfte hätte sogar die fünffache Summe investiert. In anderer Hinsicht waren die Befragten ebenfalls bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Sechzig Prozent würden sich dauerhaft ein Gerät in den Körper implantieren lassen, nur um den Tinnitus wenigstens ein bisschen leiser zu hören.

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