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Minocyclin : Antibiotikum bei Schlaganfall

  • -Aktualisiert am

Diagnose Schlaganfall Bild: picture-alliance/ dpa

Nach einem Gehirnschlag, der durch ein Blutgerinnsel ausgelöst wurde, scheint die Behandlung mit einem Antibiotikum die Folgen mindern zu können. Die Patienten erleiden offenbar deutlich weniger Behinderungen, wenn sie frühzeitig das Mittel Minocyclin erhalten.

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          Nach einem Gehirnschlag, der durch ein Blutgerinnsel ausgelöst wurde, scheint die Behandlung mit einem Antibiotikum die Folgen mindern zu können. Die Patienten erleiden offenbar deutlich weniger Behinderungen, wenn sie frühzeitig das Mittel Minocyclin erhalten. Das geht zumindest aus einer Studie in Israel hervor, in die 150 ältere Männer und Frauen einbezogen worden waren. Alle hatten sechs bis 24 Stunden vor Behandlungsbeginn einen Gehirnschlag erlitten. Die Anwendung von Gerinnsel lösenden Mitteln - eine Thrombolyse - kam bei keinem der Patienten mehr in Betracht, da eine solche Therapie nur innerhalb von drei Stunden nach dem akuten Gefäßverschluss Erfolg verspricht.

          Die Ärzte verabreichten der Hälfte der Patienten fünf Tage lang das zur Gruppe der Tetracycline zählende Antibiotikum Minocyclin und der anderen Hälfte ein Scheinmedikament. Vor Therapiebeginn sowie sieben, dreißig und neunzig Tage danach bestimmten Yair Lampl von der Universität in Tel Aviv und seine Kollegen bei allen Patienten die Art und Schwere der neurologischen Behinderungen. So können Schlaganfälle unterschiedliche körperliche und kognitive Defekte hinterlassen, darunter einseitige Lähmungen, Sprachschwierigkeiten, Einbußen des Sehvermögens, Störungen des Gleichgewichts und Gedächtnisausfälle bis hin zur Demenz.

          Unerwünschte Nebenwirkungen treten nicht auf

          Wie die israelischen Ärzte in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Neurology“ (Bd. 69, S. 1404) berichten, litten zum Zeitpunkt der Klinikaufnahme alle Patienten an mehr oder weniger ausgeprägten körperlichen und kognitiven Defekten. Der mit einem gängigen Testverfahren ermittelte Schweregrad der Behinderungen betrug in beiden Kollektiven 7,5 - was mittelschweren Ausfällen entspricht. Bei den mit Minocyclin versorgten Kranken gingen die neurologischen Störungen allerdings schon bald zurück.

          Nach neunzig Tagen erreichte das Testergebnis dieser Patienten eine Punktzahl von 1,6. Das weist auf leichte bis keine Behinderungen hin. Demgegenüber lag der entsprechende Messwert der mit Placebo behandelten Kranken bei 6,5 und hatte sich somit nur geringfügig verbessert. Unerwünschte Nebenwirkungen traten laut den Autoren in beiden Gruppen nicht auf.

          Das Mittel Minocyclin unterdrückt Hirnentzündungen

          Da die Untersuchung einige methodische Schwächen aufweist, sind die Ergebnisse nur bedingt aussagekräftig. Dass eine Behandlung mit Minocyclin die verheerenden Folgen eines Gehirnschlags zu verringern vermag, legen aber auch andere Studien nahe. Der günstige Effekt scheint nicht auf die antibakterielle Wirkung von Minocyclin zurückzugehen. Das Mittel unterdrückt offenbar die durch den Schlaganfall bedingten Hirnentzündungen und bewahrt damit angeschlagene Nervenzellen vor dem Absterben. Auch scheinen die hirneigenen Stammzellen nach Anwendung von Minocyclin besser zu überleben und damit eher in der Lage zu sein, die Heilungsprozesse zu fördern. Darauf weisen auch Beobachtungen an Tieren hin, über die eine amerikanische und chinesische Forschergruppe berichtet (“Stroke“, Bd. 37, S. 1087 und Bd. 38, S. 146).

          Zu hoffen bleibt, dass die ermutigenden Ergebnisse bestätigt werden können. Denn trotz intensiver Forschung lassen sich die schwerwiegenden Konsequenzen eines Schlaganfalls bislang erst unzureichend abwenden. Von einer Thrombolyse können nämlich nur wenige Patienten profitieren. Die meisten treffen entweder zu spät in der Klinik ein, oder die - mit erheblichen Risiken verbundene - Behandlung kommt wegen anderer Krankheiten nicht in Frage.

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