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Nicht nur die Bittere hilft : Nützt auch Milchschokolade dem Herzen?

  • -Aktualisiert am

Auch Milchschokolade scheint dem Herzen zu nützen, nicht nur bittere Sorten Bild: dpa

Schokolade soll Herzkreislauferkrankungen vorbeugen, heißt es in einer neuen Studie - und selbst eine ganze Tafel am Tag hat demnach noch positive Auswirkungen. Doch man kann die Ergebnisse auch anders deuten.

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          Studien, die dem Naschen von Schokolade positive Wirkungen auf die Gesundheit nachweisen, sind in den vergangenen Wochen in Misskredit geraten. Schuld war ein bewusstes Fake: Journalisten des Fernsehsenders Arte hatten eine Studie in Umlauf gebracht, die belegen sollte, dass täglich vierzig Gramm Bitterschokolade beim Abnehmen helfen würden. Viele große Medien griffen begeistert zu und veröffentlichten die Nachricht an prominenter Stelle. Kurze Zeit später deckten die beteiligten Journalisten die vielen Mängel ihres Fakes auf: Unter anderem gab es nur fünfzehn Probanden, das angebliche Institut, an dem die Untersuchung stattgefunden hatte, bestand nur aus einer Homepage - was den Reportern, die aus der Untersuchung schnell einen Medienhype gemacht hatten, nicht aufgefallen war. Die Initiatoren des Projektes hatten aufzeigen wollen, wie gern die Öffentlichkeit auf dubiose Diätversprechen hereinfällt. Unter dem Strich ist die Aussage der Studie deshalb wohl kaum glaubwürdig - so schön die Möglichkeit einer „Schokoladen-Diät“ auch gewesen wäre.

          Aber nun gibt es Trost für diejenigen, die gern und viel Schokolade essen und Hoffnung auf die Forschung setzen, um ihrem Laster doch noch etwas Positives abgewinnen zu können. Wer viel Schokolade konsumiert, scheint tatsächlich sein Risiko für Herzkreislauferkrankungen herabsetzen zu können - selbst dann, wenn es sich nicht um die in der Vergangenheit vielgelobte bittere, dunkle Schokolade handelt, sondern um Vollmichtafeln. Darauf weisen zumindest Ergebnisse von Wissenschaftlern um Chun Shing Kwok von der University of Aberdeen hin, die ihre Studie jetzt im Fachmagazin „Heart“ veröffentlichten. Ganze hundert Gramm Schokolade pro Tag - eine Tafel - halten die Forscher für unbedenklich - und selbst diese Menge soll der Herzgesundheit noch förderlich sein. Auf alle Fälle könnten sie keinerlei Belege dafür finden, dass der Verzicht auf Schokolade irgendetwas gegen Herzkreislaufleiden ausrichten kann - eher im Gegenteil, bilanzieren die Wissenschaftler.

          Daten aus einer großen Studie

          Die Daten stammen aus einer Langzeitstudie, der „Epic-Norfolk Study“, für die die Ernährungsgewohnheiten von Frauen und Männern aus der Grafschaft Norfolk in England erfasst und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit ermittelt werden. Insgesamt flossen die Angaben von 21.000 Teilnehmern in die Schokoladen-Studie ein. Zusätzlich werteten die Forscher mehrere internationale Untersuchungen über den Zusammenhang von Schokoladenkonsum und Herzgesundheit aus, wodurch noch einmal die Daten von mehr als 140.000 Menschen hinzukamen.

          Die Teilnehmer der Studie aus Norfolk waren für mindestens zwölf Jahre begleitet worden. Vierzehn Prozent der Probanden waren in dieser Zeit von einer Erkrankung der Herzkranzgefäße oder einem Schlaganfall betroffen gewesen. Im Durchschnitt verzehrten die Studienteilnehmer, die ausführlich Auskunft über ihre Ernährungsgewohnheiten gaben, sieben Gramm Schokolade am Tag. Einige aßen aber auch bis zu 100 Gramm täglich.

          Wer viel Schokolade aß, war zugleich eher jung, schlank, hatte weniger Entzündungsmarker im Blut, eher selten Diabetes, trank weniger Alkohol und trieb mehr Sport - auch diese Lebensstilfaktoren können das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen verringern.  Verglichen mit denjenigen, die strikt gar keine Schokolade aßen - immerhin ein Fünftel der Probanden -, war das Risiko der Schokoladenesser, Herzkreislauferkrankungen zu entwickeln, um elf Prozent erniedrigt. Der höchste in der Studie zu Protokoll gegebene Schokoladenkonsum stand in Zusammenhang mit einem um 23 Prozent erniedrigten Schlaganfallrisiko - sogar dann noch, wenn andere Risikofaktoren einberechnet wurden. Auch die anderen Studien, die die Wissenschaftler analysierten, zeigten großenteils, dass regelmäßiger Schokoladenverzehr mit einem geringeren Risiko für Schlaganfälle und Erkrankungen der Herzkranzgefäße assoziiert war. 

          Hilft das Kalzium aus der Milch?

          Insgesamt aßen die Studienteilnehmer aus Norfolk viel häufiger Milchschokolade als dunkle Schokolade. Die Autoren folgern, dass die vorteilhaften Effekte auf die Gesundheit wohl auch bei süßeren Sorten zur Geltung kommen. Sie mutmaßen, dass nicht nur die Wirkung der vielgelobten und in dunkler Schokolade reich vertretenen Flavonoide eine Rolle spielt, sondern dass möglicherweise auch das Kalzium und die Fettsäuren aus den Milchbestandteilen der Schokolade zu ihrem gesundheitlichen Nutzen beitragen.

          Allerdings kann man die Ergebnisse der Studie auch ganz anders - oder zumindest viel vorsichtiger - interpretieren. Die Autoren räumen zum einen selbst ein, dass Studien, bei denen Menschen selbst Fragebögen über ihre Ernährung ausfüllen, oft nicht sehr verlässlich sind. Zum anderen, und das wiegt noch schwerer, könnte auch ein zufälliger Zusammenhang gegeben sein: Manche jungen Leute treiben viel Sport und achten auf ihre Gesundheit, sie essen aber eben zufällig auch häufig Schokolade. Dass ihr Herz so gesund ist, mag mit ihrem gesamten, gesunden Lebensstil zusammenhängen. Sie sind so fit, dass auch ein paar Schokoriegel nichts ausrichten können. Das wäre die eine Sichtweise. Und die Forscher räumen außerdem ein, dass es auch sein könnte, dass Menschen, die ein hohes Risiko für Herzkreislauferkrankungen haben und davon wissen, bewusst weniger Schokolade essen. Dann wäre der geringe Schokoladenkonsum kein Schaden - der hohe aber eben auch kein Schutzfaktor.

             

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