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Darm und Psyche : Untermieter und Oberstübchen

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Bild: Foto Deposit

Sind Darmbakterien schuld, wenn die Psyche krankt? Zwei aktuelle Studien stellen zumindest einen Zusammenhang her. Doch bis zu neuen Therapien ist es noch ein weiter Weg.

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          Wir sind voller Bakterien. In unserem Darm leben mehr Mikroben, als unser Körper Zellen hat. Doch vorbei die Zeiten, da uns diese Vorstellung Waschzwänge bereitete. Das Mikrobiom, die Gesamtheit unserer bakteriellen Untermieter, spielt eine überaus segensreiche Rolle für unser Wohlbefinden: Darmbakterien helfen bei der Verdauung, trainieren das Immunsystem und halten Krankheitserreger in Schach. Kommt ihr Ökosystem aus dem Gleichgewicht, droht Ungemach, wie jeder weiß, der schon einmal eine Antibiotika-assoziierte Diarrhö durchgemacht hat.

          Einen direkten Blick in die Darmbiosphäre haben die Fortschritte in der DNA-Sequenzierung in den letzten 15 Jahren möglich gemacht. Zuvor war man darauf angewiesen, Bakterien auf Nährböden zu züchten, um sie genauer untersuchen zu können. Ein aufwendiges Unterfangen, noch dazu lässt sich ein Großteil der Darmbewohner gar nicht auf diese Weise kultivieren. Inzwischen reicht schon eine Stuhlprobe, um sämtliche Darmbazillen zu identifizieren, und das innerhalb von Stunden. Und längst wird eine Vielzahl von Malaisen mit einem aus der Balance geratenen Mikrobiom in Verbindung gebracht, darunter auch psychische Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie.

          Verdrahtung von Gemüt und Verdauung

          Die Idee eines direkten Drahts zwischen Gemüt und Verdauung ist alt. Seit mehr als hundert Jahren weiß man, dass unser Gedärm ein eigenes Netz aus Nervenzellen besitzt, das Enterische Nervensystem, das über den Vagusnerv mit dem Gehirn verbunden ist. Doch inwieweit diese körpereigenen Strukturen mit den Einzellern im Darm kommunizieren und welche Rolle diese für die psychische Gesundheit ihres Wirts spielen, ist erst im Ansatz erforscht. Die Frage lautet: Wie könnte die vermutete Hirn-Darm-Mikrobiom-Achse funktionieren? Und sind die vielfach beobachteten Unterschiede in der Artzusammensetzung des Darm-Mikrobioms von Gesunden und Patienten wirklich Teil der Ursache oder nur eine weitere Folgeerscheinung der Krankheit?

          Die Realität eines solchen Zusammenhangs erhärten zwei in der vergangenen Woche erschienene Studien. In „Nature Microbiology“ veröffentlichte das Team um Jeroen Raes von der Universität Leuven die Analyse der Mikrobiome von gut 1000 Menschen mit ärztlich diagnostizierter Depression, die sie im Rahmen des „Flämischen Darmflora-Projekts“ gesammelt hatten. Den Forschern fiel auf, dass in den Stuhlproben der depressiven Patienten deutlich weniger Bakterien der Gattungen Coprococcus und Dialister zu finden waren als in den Proben gesunder Projektteilnehmer. Die Autoren weisen jedoch selbst darauf hin, dass es sich hierbei um reine Korrelationen handele. Ob ein Mangel an diesen Bakteriengruppen Ursache oder Folge der Depressionen ist, lasse sich daraus nicht direkt ablesen. Immerhin glauben sie zeigen zu können, dass Coprococcus und Dialister auch bei solchen Patienten verändert sind, die noch nicht mit Antidepressiva behandelt wurden. Medikamente haben nämlich großen Einfluss auf das Mikrobiom.

          Vorsicht bei Korrelationen

          Das zeigt das Beispiel Diabetes. Auch hier hatten Studien einen Zusammenhang mit Veränderungen des Mikrobioms hergestellt. Doch vergaßen die Autoren das Diabetes-Medikament Metformin. Wie eine Studie in „Nature“ 2015 zeigte, lässt sich ein Großteil der Veränderungen in der Darmflora der Diabetespatienten auf das Metformin zurückführen. Inzwischen glauben manche Forscher sogar, dass die noch nicht verstandene Wirkung des Metformins zumindest partiell auf ebendiesen Veränderungen der Darmflora beruhen könnte. Diese wären damit nicht wie zunächst gedacht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.

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